FinanzevolutionDie Tokenisierung des Wertpapiergeschäfts

Seite: 2 von 2

Token können also real existierende Vermögensgegenstände und vertragliche Ansprüche dokumentieren. Einige Banken transformieren bereits Schuldverhältnisse in die Blockchain bzw. in sogenannte Smart Contracts. So arbeitet mein Arbeitgeber, die DZ Bank gemeinsam mit mehreren anderen Banken an Finledger, um Schuldscheine über Blockchain-Technologie abzuwickeln und testet in einem Piloten zusammen mit der BayernLB den Abschluss eines Smart Derivative Contracts, um dadurch das hochkomplexe OTC-Derivate-Geschäft für Zinsswaps zu digitalisieren.

Smart Contracts gelten als in Computerprogramme umgesetzte Verträge, die Daten aus verschiedenen Informationsquellen überwachen. Sind zuvor festgelegte Bedingungen erfüllt, führt der Softwarecode des Smart Contracts selbstständig einen Befehl aus, wie etwa die Anweisung einer Zahlung oder die Übertragung von Verfügungsrechten. Die Commerzbank und Deutsche Bank haben im vergangenen Jahr die Abwicklung von Repogeschäften mit Blockchain-Lösungen getestet.

Direkt dürften Aktien, wie oben dargestellt, aus rechtlichen Gründen noch nicht tokenisiert werden. Aber indirekt ist das möglich, wie das Beispiel des Bankhaus Scheich zeigt. Es hat Token auf der Basis von Telekom-Aktien platziert. Zusammen mit den Finanztechnologieunternehmen Cashlink und Finoa wurden digitale Zertifikate herausgegeben, die den Basiswert in einer fest definierten Anzahl von Token abbilden (asset-linked Token mit der ISIN DE000A276T93). Cashlink hat dazu die technische Infrastruktur des digitalen Wertpapiers entwickelt. Diese beinhaltet sowohl Smart Contracts auf der Blockchain sowie alle Tools zur Ausgabe der digitalen Wertpapiere. Finoa wiederum gilt als Spezialist für die technologische Infrastruktur für Sicherheitsstandards und Verwahrung digitaler Wertpapiere.

Auch die Deutsche Börse und Swisscom haben gemeinsam mit der Falcon Private Bank, Vontobel und der Zürcher Kantonalbank Wertpapiergeschäfte mit tokenisierten Aktien auf Blockchain-Basis abgewickelt. Durch diesen Proof of Concept wollte man zeigen, wie eine Wertpapierabwicklung von Aktien kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) mittels DLT künftig aussehen könnte. In den USA gab es u.a. Versuche, Aktien von Apple, Facebook und Tesla tokenisiert auf der Plattform DX.Exchange zu handeln. Die mit der Technologie der US-Börse Nasdaq arbeitende Plattform hat ihren Betrieb allerdings eingestellt.

Umfassende Änderungen erwartet, wenn Marktteilnehmer zusammenarbeiten

Die erwähnten Beispiele sind freilich nur Prototypen. Interessant wird es, wenn nach Schaffung der rechtlichen Grundlagen bestehende Aktien und Anleihen in Token umgetauscht oder neue Aktien und Anleihen gleich als Token ausgegeben werden.

Die Einführung digitaler Finanzprodukte auf Basis von DLT- und Blockchain-Technologie wird die Finanzmärkte und vor allem die Marktfolgeprozesse (Post-Trading) grundsätzlich verändern. Dieses Post-Trading umfasst die Abwicklung (Settlement), die Verwahrung, die Verrechnung (Clearing) von Wertpapieren sowie die Verwaltung von Ereignissen aus Wertpapieren wie Dividendenzahlungen oder Kapitalmaßnahmen.

Mit Smart Contracts ließen sich Kapitalmaßnahmen, Zins- und Dividendenzahlungen effizienter abwickeln. Im Idealfall könnte nach Darstellung der Bundesbank  sogar Emittenten und Investoren ohne Zwischenschaltung weiterer Beteiligter, wie Verwahrer direkt miteinander Geschäfte abschließen und abwickeln. Die oben skizzierter langen Verwahrketten könnten erheblich verkürzt  und die heute sehr aufwendigen Abstimmungs- und Bestätigungsprozesse verschlankt werden, weil sie aufgrund der gemeinsamen Datenhaltung schlicht wegfallen. Freilich werden Kunden davon zunächst wenig mitbekommen. Die Rechte einer Aktie verändern sich nicht, sie sind nur statt in einem Wertpapier in einem digitalen Token dokumentiert.

Der Unternehmensberater und Experte für Tokenisierung Sven Hildebrandt prognostiziert in einem Gespräch mit dem Fachmagazin Fundview, dass bereits in wenigen Jahren traditionelle Aktien in der jetzigen Form Seltenheitswert besitzen werden. Aktien, Fonds, ETFs, Anleihen und andere Vermögenswerte seien dann tokenisiert. Hildebrandt erwartet sogar, dass Fonds allein aus regulatorischen Gründen nur noch tokenisierte Aktien kaufen werden.

Erforderlich ist dazu aber das Zusammenwirken verschiedener Marktteilnehmer und Marktorganisatoren. Insellösungen waren hilfreich, um die rechtlichen und technischen Feinheiten der neuen Technologie kennenzulernen. Sie helfen aber nicht, die oben skizzierte Vision zu realisieren. Wenn jedes Unternehmen Aktien und Anleihen nach eigenem DLT-Standard emittiert, werden sich die erwarteten Vorteile weder für die Emittenten noch für den Finanzsektor heben lassen. Und noch warten Emittenten, Banken, Marktorganisatoren und Regulatoren mit dem großen gemeinsamen Schritt.

 


Dirk ElsnerDirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Hier finden Sie weitere Kolumnen aus der Reihe Finanzevolution