WirtschaftsclusterDie tapferen Schneiderlein aus Ostwestfalen

Seite: 4 von 4

Lange ging es nur nach oben

„Klar hätten wir die Musternäherei auch verlagern können“, sagt Vorstandschef Ralf Weber. „Aber das stand für uns nie zur Debatte.“ Seit 2015 ist der Sohn von Gründer Gerhard Weber CEO, der Vater hat sich mit 73 in den Aufsichtsrat zurückgezogen. Seitdem muss der Junior, der am Anfang seiner Ausbildung einmal im Controlling bei Bugatti in Herford lernte, kräftig sparen. Viele Frauen um die 50, bei denen Gerry Weber traditionell stark ist, wollen heute jüngere Mode und kaufen weniger in den Markenstores, sondern online oder auch mal bei H&M und Zara.

Ralf Weber ist seit 2015 CEO des Damenmodekonzerns Gerry Weber
Ralf Weber ist seit 2015 CEO des
Damenmodekonzerns Gerry Weber

Bis vor drei Jahren war es für das 1973 gegründete Unternehmen nur nach oben gegangen – von einer kleinen Firma im Wäscheladen der Mutter über die ersten eigenen Damenhosen und Filialen bis zum Weltkonzern. „Das war eine unheimliche Dynamik“, sagt CEO Weber – mit neuen Marken und Linien und immer neuen eigenen Stores auf der ganzen Welt. Noch vor fünf Jahren schluckte Gerry Weber die insolvente Modekette Wissmach mit 200 Geschäften, 2015 folgte die Übernahme des Filialisten Hallhuber.

Doch schon damals war absehbar, dass die Krise auch vor einem erfolgsverwöhnten Konzern wie Gerry Weber nicht haltmacht. Von einem „brachialen Wandel“ spricht der Vorstandschef. „Gerry Weber war fast an jeder Ecke vertreten, manchmal auch mehrfach“, sagt er. „Das Wachstum war zu schnell.“ Seit dem Start des Sparprogramms sind fast zehn Prozent von knapp 7000 Stellen abgebaut worden, mehr als 120 der 660 eigenen Stores wurden geschlossen. Aber die Sanierung drückt aufs Ergebnis, in einigen Quartalen stand zuletzt unter dem Strich ein Verlust.

Abhilfe schaffen soll auch das neue Logistikzentrum, mit 90 Mio. Euro Kosten die größte Investition in der Konzerngeschichte. Der Ende 2015 in Betrieb genommene Koloss mit einer Kapazität für 37 Millionen Teile im Jahr ist eine der modernsten Warendrehscheiben in Europa. Jedes Teil, das irgendwo auf der Welt für Gerry Weber produziert wird, landet hier, erhält einen Funkchip – und wird vollautomatisch durchs Lager transportiert und abgelegt. Auf diese Weise will CEO Weber 20 bis 25 Prozent der Logistikkosten sparen.

Auch die anderen Firmen, die den Cluster prägen, sind dabei, sich dem Branchenwandel anzupassen – mit neuen Digitalstrategien und Retailkonzepten. Sie alle wissen, dass Tradition nicht die Zukunft sichert. Gerd Oliver Seidensticker, der Verbandschef, formuliert es so: „Wir werden uns in der Bekleidungsindustrie noch eine Weile auf negative Wachstumsraten einstellen müssen.“ Die Bereinigung in der Branche gehe weiter. „Niemand von uns kann nachts sorgenfrei schlafen.“