KolumneDie schwierigste Entscheidung der Autobranche

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Ob bei Audi oder VW, Daimler oder BMW: Überall in der deutschen Autoindustrie machen die Betriebsräte in diesen Wochen Druck in Sachen E-Mobilität. Und sie tun es aus einem naheliegenden Grund: Es geht um die Frage, ob wir in einigen Jahren eine gewaltige Entlassungswelle in der verwöhnten Branche sehen werden oder nicht. Elektroautos lassen sich nun einmal leichter zusammenbauen als Benziner oder Dieselfahrzeuge – deshalb braucht man weniger Leute am Band. Das beste Beispiel: die Motorenfertigung. Der Bau von Verbrennern ist über weite Strecken noch Handarbeit. In den Fabriken findet man so viele Facharbeiter wie sonst kaum noch in der Industrie. Elektromotoren lassen sich von angelernten Kräften dagegen so einfach zusammenschrauben wie ein Handmixer.

Die großen Autohersteller werden ihre Belegschaften in den nächsten Jahren nicht allein durch Wachstum halten können. Und genau dort setzen jetzt die Betriebsräte mit neuer Vehemenz an: Sie fordern ihre Vorstände auf, endlich in die Fertigung von Batterien für die kommende Generation von Elektroautos einzusteigen. Der Betriebsratschef von Audi, Peter Mosch, schlägt sogar einen alarmistischen Ton an: Es sei „fünf Minuten vor Zwölf“, weiteres Zögern ein „absolutes No-Go“, sagte der mächtige IG-Metall-Mann letzten Freitag der „Wirtschaftswoche“.

Die Autohersteller sollen mindestens, so verlangen es ihre Betriebsräte, den Bau von Batteriepaketen in die eigene Hand nehmen. Noch lieber wäre den Vertretern der Belegschaft, wenn die Konzerne auch die Herstellung der Batteriezellen selbst angehen würden. Doch der Zug ist in Wahrheit bereits abgefahren: Das entsprechende Know-how könnten die Autohersteller nur mit größter Kraftanstrengung aufbauen – und der Bau riesiger Batteriefabriken würde Dutzende von Milliarden Euro verschlingen. Kein Konzern hat dieses Geld mittelfristig eingeplant. Und einige Hersteller könnten es auch gar nicht aufbringen.

Die Batterien werden aus Fernost kommen

Auch die Idee, gemeinsam einen nationalen Champion zu schaffen, geht in die Irre. Abgesehen von den Bedenken der Kartellwächter ist das wichtigste Argument dagegen die Zeit: Selbst wenn man morgen Milliarden bereitstellen würde, kämen sie zu spät für die geplante E-Modell-Offensive in den Jahren 2025 bis 2030. Ein wenig erinnert das Gerede über eine eigene deutsche Batteriefertigung an die achtziger Jahre: Damals gerieten viele Strategen in der deutschen Wirtschaft in Panik, weil die Japaner bei Halbleitern für die Elektronikindustrie nicht weit von einem Monopol entfernt waren. Man phantasierte sich in Europa viele Pläne zu recht, wie man die fernöstliche Dominanz brechen könnte. Aufgegangen ist davon keiner.

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Wir werden die Batterien für unsere E-Autos in den nächsten Jahren aus Fernost beziehen, wo sich Hersteller wie Samsung einen großen Vorsprung erarbeitet haben. Schuld an dieser Gemengelage ist nicht die deutsche Autobranche, sondern die deutsche Chemie: Sie war vor vielen Jahrzehnten einmal führend in dieser Technologie – aber ist es heute eben nicht mehr.