Deutschland ClusterWie die Messermacher aus Solingen überlebt haben

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Messer sind Männersache

Montage am Fließband: Eine Zwilling-Arbeiterin verbindet Klingen und Griffe
Montage am Fließband: Eine Zwilling-Arbeiterin verbindet Klingen und Griffe (Foto: Nikita Teryoshin)

Zwei Trends kommen den Solinger Herstellern zugute. International ist es das Geschäft mit China, das brummt, weil sich die wohlhabende Mittelschicht dort inzwischen als Statussymbol gern Messer aus Solingen gönnt – oder auch Hackbeile, mit denen sich die Hersteller asiatischen Kochgewohnheiten angepasst haben. Hierzulande dagegen ist es die zunehmende Lust am Essen und seiner Zubereitung, befeuert durch zahllose Fernsehkochshows. Vor allem Männer hat Güde-Chef Karl Peter Born als Zielgruppe im Blick, weil sie Wert auf gutes Werkzeug legen: „Messer sind ein Männerthema.“

Born weiß, dass es nicht reicht, Gutes zu produzieren – man muss auch darüber reden, was er gerne tut: „Wir verkaufen Geschichte und Geschichten.“ In seiner Werkstatt blickt kaum ein Mitarbeiter auf, wenn der Chef wieder mal Besucher herumführt und ihnen erzählt, dass die Schleifmaschine „so viel wie ein Reihenhaus“ kostet.

Solinger Zwillingswerk
Solinger Zwillingswerk (Foto: Nikita Teryoshin)

Bei J.A. Henckels, dem Messermulti von nebenan, muss die Marke nicht groß erklärt werden, Zwilling ist weltbekannt. „Das Logo ist unser größtes Asset“, sagt Vorstandssprecher Erich Schiffers – neben 75 Prozent der Deutschen kennen es ihm zufolge inzwischen auch viele Chinesen.

Längst setzt der Konzern nicht mehr nur auf Messer, sondern auf die gesamte Küchenbandbreite. Dominiert wird das Geschäft inzwischen von gusseisernen Brätern des französischen Herstellers Staub und Alupfannen von Ballarini, die als Marken erhalten blieben, aber in die Zwilling-Gruppe eingegliedert wurden. Die Strategie scheint aufzugehen: Brachten die Messer vor gut 15 Jahren noch rund 90 Prozent des Umsatzes, sind es heute 40 Prozent, der Rest wird mit anderen Kochutensilien erwirtschaftet. Das Segment Küche wuchs jährlich um neun Prozent in den letzten Jahren.

Im Solinger Zwillingswerk, einem markanten roten Backsteinbau, entstehen pro Jahr rund 3,1 Millionen geschmiedete Klingen. In den riesigen Hallen durchlebt der Stahl sein Wechselbad: Erst wird er auf 1100 Grad erhitzt, dann bei minus 80 Grad gehärtet, um schließlich für mehr Bruchsicherheit erneut bei 230 Grad zu schwitzen.

Zu guter Letzt, wenn die Messerproduktion abgeschlossen ist, ätzen Arbeiterinnen das Zwillingslogo in die Klingen. „Vorher ist es nur ein Stück Stahl“, sagt Ulrich Nieweg, Leiter der Vorfertigung. Jetzt verdient es Geld.