Deutschland ClusterWie die Messermacher aus Solingen überlebt haben

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Erst die Wirtschaftskrise, die Weltkriege und die aufstrebende Konkurrenz aus Asien bremsen Solingens Aufstieg. Zunehmend erweist sich das Festhalten an der kleinteiligen Produktionsweise nun als Nachteil, weil es die Mechanisierung erschwert. Der Syndicus der Industrie- und Handelskammer sieht sich 1941 zu einem klaren Wort genötigt: Es müsse Schluss sein „mit dem Aberglauben, die Herstellung von Messern und Scheren sei als einzige Produktion allzeit der modernen Technik unzugänglich“.

Weil die wenigsten den Warnruf hören wollen, schrumpft die Klingenproduktion ab 1960 dramatisch. Von 252 Betrieben sind Ende der 80er-Jahre nur noch 61 übrig, die mehr als 20 Leute beschäftigen. Auch die Bedeutung des Gesamtstandorts leidet: Wurden 1960 in Solingen wertmäßig noch fast 90 Prozent aller deutschen Schneidwaren und Bestecke gefertigt, sind es 1986 den Buchautoren Putsch und Krause zufolge nur noch 37 Prozent.

Der Weg in die Nische

Karl Peter Born, Chef der Manufaktur Güde,
Karl Peter Born, Chef der Manufaktur Güde

„Wir gehören zu den wenigen hier, die überlebt haben“, konstatiert Güde-Chef Karl Peter Born, der die Firma in vierter Generation führt. Seine Antwort auf den Wandel war die Nische: Er hat sich auf hochwertige, in Handarbeit gefertigte Messer für Profi- und Hobbyköche spezialisiert, edle Stücke mit Griffen aus Mooreiche oder Olivenholz, zu Preisen von bis zu 300 Euro, teils auch deutlich drüber. „Weil billig jeder kann“, sagt Born.

Der Weltruf der Solinger Stahlwaren helfe den kleinen Betrieben, sagt Jens-Heinrich Beckmann vom Industrieverband Schneid- und Haushaltswaren – insbesondere beim wichtigen Exportgeschäft. Seit zehn Jahren wird wieder gutes Geld verdient, die Umsätze steigen, die Produktivität auch. Deutsche Hersteller exportierten 2016 Schneidwaren für 866 Mio. Euro – ein Rekord.

Während anderswo heute Großbetriebe wie die Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) dominieren, blieb Solingen überwiegend von kleinen Hinterhofbetrieben geprägt – und von Tüftlern mit rauen Händen. Maschinen, Werkzeug, Schleifbänder: Was in der Produktion eingesetzt wird, kommt größtenteils von hier. Das garantiert schnellen Ersatz bei Ausfällen – und Praxisnähe, wenn neue Maschinen entwickelt werden müssen.

Unter den Konkurrenten vor Ort kennt man sich, jeder hat seine Nische gefunden. „Im Regal liegen wir alle nebeneinander“, sagt Güde-Chef Born. Viele der Firmen hier haben bekannte Namen: Wilkinson Sword fertigt Rasierklingen, Herder steht für die Marke Windmühlenmesser, Carl Mertens für Bestecke und Kochmesser, Niegeloh für Maniküreinstrumente, Kretzer für Scheren, dazu kommen Hersteller wie Tondeo (Friseurscheren), Hubertus (Jagdmesser) oder Lutz Blades (Industrieklingen).

Die wenigen Großunternehmen sind den Weg der Automatisierung gegangen. Einer der Platzhirsche vor Ort ist Wüsthof mit seinen rund 400 Mitarbeitern. Das Dreizack-Logo auf rotem Grund, seit 1895 eingetragenes Warenzeichen, weist den Weg zum weitläufigen Betriebsgelände. In siebter Generation stemmt sich das Familienunternehmen erfolgreich dem Strukturwandel entgegen.

„Um den Standort zu halten und hohe Stückzahlen zu produzieren, mussten wir viele Bereiche unserer Fertigung automatisieren“, sagt Viola Wüsthof, die den Betrieb gemeinsam mit ihrem Cousin Harald Wüsthof führt. Dafür fertige man weiter zu 100 Prozent im Bergischen Land. „Das ist langfristig ein wichtiger USP.“ Das Siegel „made in Solingen“ sei nicht austauschbar, gerade beim Export in die USA, wohin rund die Hälfte der Produktion geht. „Wer Qualität kauft, will wissen, wo sie herkommt.“