Deutschland ClusterWie die Messermacher aus Solingen überlebt haben

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Mit Schwertern fing es an

Anno 1893: Arbeiter der Gesenkschmiede Hendrichs posieren mit Scheren
Anno 1893: Arbeiter der Gesenkschmiede Hendrichs posieren mit Scheren

Die Anfänge der hiesigen Handwerkskunst reichen zurück bis zur Schwertherstellung des Mittelalters. Spätestens ab dem 14. Jahrhundert zieht Solingens günstige Lage immer mehr Härter, Schleifer, Schmiede und Schwertmacher an. Im Bergischen Land finden sie, was sie für ein florierendes Gewerbe brauchen: Die Wupper und ihre Bäche liefern Wasserkraft zum Antrieb der Schleifsteine, die Wälder bieten Holzkohle zum Schmelzen von Erz aus der Region und dem nahen Siegerland, die Handelsstadt Köln ist dank des Rheins das Tor zur Welt.

Der Aufstieg beginnt. Ende des 18. Jahrhunderts sind in Solingen bereits 400 Messer- und 300 Scherenschmiede ansässig, die in kleinen Werkstätten am Wasser arbeiten, sogenannten Kotten. Prägend ist eine strikte Arbeitsteilung: Der Schmied formt den Stahl, der Schleifer schärft ihn, der Reider montiert die Teile. Den Transport zwischen diesen selbstständig arbeitenden Handwerkern erledigen Lieferfrauen, die die Ware auf dem Kopf durch die Stadt balancieren. 1832 schätzt der Landrat die Zahl der Arbeiter und „Gehülfen“ in der örtlichen Eisenverarbeitung auf 4000. Der Stahl liegt förmlich in der Luft: Wegen der Staublungenkrankheit erreichen viele Schleifer nicht einmal das 35. Lebensjahr.

Zeitgleich etablieren sich in jener Zeit die Klingen aus dem Bergischen Land auf dem Weltmarkt, vor allem in den USA. Während die Nachfrage steigt, wird das Angebot ausgeweitet, auch Essbestecke und Rasiermesser kommen nun aus Solingen.

Der einzige ernst zu nehmende Konkurrent ist in jenen Jahren das britische Sheffield, dessen Fabrikanten den Solingern in Sachen Stahlgüte und Kunstfertigkeit vorerst noch ein Stück voraus sind. Sie sind es, die 1887 zum Schutz ihrer Interessen durchsetzen, dass die teils minderwertigen Einfuhren aus Deutschland mit dem Zusatz „made in Germany“ gekennzeichnet werden müssen. Als die Solinger wenig später an den Sheffieldern vorbeiziehen, wird die als Warnung gedachte Kennzeichnung – Ironie der Geschichte – zu jenem weltweit anerkannten Gütesiegel, das sie bis heute ist.

Die Zeit der Hämmer

Der Siegeszug der Dampfmaschine beendet bald darauf die Abhängigkeit von der Wasserkraft. Riesige Riemenfallhämmer formen nun den Stahl – und liefern mehr Rohlinge als je zuvor. Trotzdem wird das Teilfertigungssystem beibehalten, noch immer arbeiten die selbstständigen Schleifer in ihren Kotten oder den neuen Dampfschleifereien auf eigene Rechnung, quasi als Ich-AG. Sie fahren nicht schlecht damit: Unter den Arbeitern zählen die Schleifer 1914 zu den Spitzenverdienern.

Nicht nur für sie hat das Modell Solingen Vorteile: Die kleinteilige Fabrikation macht die Produktion enorm flexibel und ermöglicht eine unglaubliche Mustervielfalt, mit der ausgefallenste Wünsche aus aller Welt befriedigt werden können. Die Firma Wüsthof zählt 1904 allein 1125 verschiedene Taschenmessermodelle.