Deutschland ClusterDie Scharfmacher aus Solingen

Edelstahl-Rohlinge warten im Zwillingswerk darauf, mit Griffstücken „verheiratet“ zu werden, wie es hier heißt
Edelstahl-Rohlinge warten im Zwillingswerk darauf, mit Griffstücken „verheiratet“ zu werden, wie es hier heißt Nikita Teryoshin

Der Roboter tanzt. In Brusthöhe lässt er den Greifarm, mit dem er das Messer hält, nach vorne schnellen, bremst dann jäh ab und senkt die Klinge in einer fließenden Drehung in Position. Beim Schliff, der nun beginnt, ist jeder Winkel exakt berechnet. Am Ende des Bewegungsablaufs legt der Greifarm das fertige Messer auf einen Ständer, dann beginnt der Tanz von vorne.

Die einarmigen Roboter des Messermultis Zwilling J.A. Henckels übernehmen auf dem alten Werksgelände in Solingen heute die meisten Aufgaben in der Produktion. Sie schleifen, schärfen und polieren. 10.000 Messer am Tag, viele davon vollautomatisch.

Nur ein paar Hundert Meter entfernt, in der Werkstatt der Firma Güde an der Katternberger Straße, sitzt Thomas Barth auf einem dreibeinigen Schemel. Funken sprühen, während er den Schmiedeabsatz eines Messers schleift. Barth prüft das Ergebnis, legt das Messer linkerhand in eine Holzkiste, greift sich rechterhand ein neues, schleift. Das Kreischen übertönt das Radio, aus dem leise „Killing Me Softly“ dudelt.

Bei der Franz Güde GmbH, gegründet 1910 und heute ein 25-Mann-Betrieb, wird nach alter Väter Sitte produziert. In der 1000-Quadratmeter-Werkstatt riecht es metallen nach Schleifschlamm. Die Arbeiter an den Maschinen, überwiegend Männer, nur eine Frau, erledigen fast alle der bis zu 50 Arbeitsgänge in präziser Handarbeit. Je nach Modell fertigen sie so 300 bis 400 Messer am Tag.

Markenzeichen „made in Solingen“

Hier modernste Robotertechnik, dort das traditionelle Handwerk: In Solingen existiert beides wie selbstverständlich nebeneinander. Von einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ sprechen die Autoren Jochen Putsch und Manfred Krause in ihrem Fachbuch „Schneidwarenindustrie in Europa“. Der Strukturwandel, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Solingen einsetzte, zwang die Betriebe, sich entweder zu automatisieren oder zu spezialisieren. Überlebt haben wenige große und viele kleine Firmen, meist dank hoher Qualität, neuer Technik und pfiffigem Marketing. Inzwischen scheint die Talsohle durchschritten: Trotz der Billigkonkurrenz aus Asien legt der Umsatz bei Schneidwaren in den letzten Jahren spürbar zu, und der Ruf, den die Klingen aus dem Bergischen Land weltweit genießen, könnte besser kaum sein.

Längst ist dieser Cluster eine Marke, auch im rechtlichen Sinn. Die Solingenverordnung schützt seit 1995 örtliche Schneidwaren, ein Vorläufergesetz existierte schon in den 30er-Jahren. Als „made in Solingen“ darf demnach nur bezeichnet werden, was in allen wesentlichen Herstellungsstufen im alten Industriegebiet der Stadt gefertigt wird, wo laut Industrie- und Handelskammer heute rund 150 Betriebe sitzen. Die Herkunftsbezeichnung soll ihre hochwertigen Produkte – von Messern über Scheren bis zu Nagelfeilen – klar erkennbar von internationaler Billigware abheben. Rund 20-mal im Jahr stellen Zollbeamte in aller Welt Solingen-Fälschungen in hoher Stückzahl sicher.