KolumneDie Resteverwerter der BASF

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerMartin Kress

In der BASF AG gilt seit Jahrzehnten ein eiserner Grundsatz: Keine Investition darf so groß sein, dass sie bei einem Scheitern das Überleben des Konzerns gefährdet. Eine riskante Großübernahme, wie sie Bayer gerade bei Monsanto durchzieht, kommt daher für die Ludwigshafener Manager prinzipiell nicht in Frage. Der größte Deal der bisherigen Unternehmensgeschichte war 2006 der Kauf der amerikanischen Engelhard Corporation für 3,8 Mrd. Euro – verdammt lang her und ziemlich klein im Vergleich zu den 55 Mrd. Euro, die Bayer für Monsanto auf den Tisch legen muss.

Man muss sich diese Dimensionen vor Augen führen, um die Transaktion vom letzten Freitag einzuordnen: BASF übernimmt von der Bayer AG Teile des Saatgut- und Pflanzenschutzgeschäfts für 5,9 Mrd. Euro in bar. Der Konzern in Leverkusen muss diese Aktivitäten im Zuge der Übernahme von Monsanto abgeben, um die globalen Auflagen der Wettbewerbshüter zu erfüllen. Der Verkauf an BASF steht deshalb auch unter dem Vorbehalt, dass die Eingliederung von Monsanto nicht doch noch scheitert.

Für die BASF AG sind 5,9 Mrd. Euro viel Geld auf einmal. Und trotzdem kann man nicht von einer neuen Strategie sprechen. Die Preise im internationalen Chemiegeschäft sind in den letzten zehn Jahren so massiv gestiegen, dass 5,9 Mrd. Euro heute nicht mehr wert sind als 3,8 Mrd. Euro 2006. BASF zahlte vor zehn Jahren für den Katalysator-Hersteller Engelhard das 12-Fache des Gewinns vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda). Das galt damals nach einem heftigen feindlichen Übernahmekampf als sehr, sehr teuer. Für das Bayer-Geschäft gibt BASF jetzt gut das 15-Fache des Ebitda aus – und das, obwohl die Leverkusener das Geschäft ja abgeben müssen und daher keine Kampfpreise erzielen können.

Bedeutung der BASF schrumpft

Trotz der vergleichsweise hohen Ausgabe von 5,9 Mrd. Euro muss man also sagen: Die BASF-Spitze bleibt ihrer bisherigen Strategie als Resteverwerter treu. Das bringt Vorteile, vor allem eine Minimierung der unternehmerischen Risiken und Integrationskosten, aber auch Nachteile: Mit dieser Strategie kann der Konzern mit der Entwicklung der globalen Chemieindustrie nicht mehr Schritt halten. Er verliert, relativ gesehen, an Bedeutung. Ein großer Wurf sähe anders aus.

Die Bedeutung der BASF schrumpft aber auch, weil der Ruf des Unternehmens in den letzten Jahren stark gelitten hat. Unter seinem früheren Chef Jürgen Hambrecht galt der Konzern als Muster an solidem Geschäftsgebaren und Berechenbarkeit. Skandale gab es so gut wie nie bei der BASF. Unter seinem Nachfolger Kurt Bock gilt das genaue Gegenteil: Eine schlechte Nachricht jagt die nächste. Das jüngste Beispiel dafür ist der Skandal um verseuchte Matratzen und Autositze, die mit BASF-Chemikalien hergestellt wurden. Dabei wurden die zulässigen Grenzwerte gleich um das 100-Fache und mehr überschritten. Produziert wurden die Chemikalien in der sogenannten TDI-Anlage im Stammwerk Ludwigshafen, die Bock und seine Manager nun schon seit vier Jahren nicht ordentlich ans Laufen bekommen. Viele in der Branche schütteln nur noch den Kopf über den Verfall der Sitten bei BASF. Daran ändert auch der Deal vom vergangenen Freitag nichts.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.