Interview„Die Pleite von Senvion wird nicht die letzte sein“

Seite: 2 von 2
Im Kreis Paderborn drehen sich heute 550 Anlagen – so viele wie nirgendwo sonst in NRW
Windpark im Kreis Paderborn: In den vergangenen Monaten ist der Ausbau der wichtigsten Erneuerbaren-Quelle in Deutschland fast zum Erliegen gekommen – mit gravierenden Folgen für die Windindustrie (Foto: Sebastian Arlt)

Trotz der Alarmzeichen aus der Branche will die Bundesregierung die Hürden für die Windkraft nun sogar noch erhöhen. Geplant ist eine neue Regelung, dass Windräder künftig nur noch mit einem Mindestabstand von 1000 Meter zu Siedlungen gebaut werden dürfen. Was halten Sie von dieser Regelung?

1000 Meter sind ein großer Abstand – vor allem in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland. Wenn die Regelung so kommt, wird sie einen Großteil der Flächen killen, auf denen sich theoretisch neue Windprojekte entwickeln lassen. Daraus folgt die Frage: Wenn Onshore-Wind ausfällt, mit welchen Alternativen will Deutschland dann seine Klimaziele erreichen? Mit Fotovoltaik beispielsweise wird sich das von der Bundesregierung formulierte Ziel, den Anteil der Erneuerbaren bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern, um die Vorgaben des Pariser Klimaschutzabkommens zu erfüllen, sicherlich nicht erreichen lassen. Die ehrliche Alternative wäre es dann, die Ziele aufzugeben – es sei denn, die Politik hat eine neue Technologie in der Hinterhand, von der wir nichts wissen.

Welche Folgen hätte die Abstandsregel für die Windbranche? Droht der Industrie ein ähnliches Schicksal wie der deutschen Solarbranche?

Absolut. Die deutsche Windkraftbranche war einer der Pioniere, international hoch angesehen. Hamburg war lange Zeit die Wind-Hauptstadt der Welt, es gibt in Deutschland viele fantastische Ingenieure und Mitarbeiter in der Produktion. Das bricht im Augenblick alles zusammen. Ich kann nicht verstehen, wie es die Bundesregierung hinnehmen kann, dass eine Zukunftstechnologie und industrielle Schlüsselkompetenzen zerstört werden, die Deutschland über die vergangenen Jahrzehnte aufgebaut hat.

Sollte es bei der aktuellen Politik bleiben, kann später niemand behaupten, dass ihn die Folgen überrascht hätten

Yves Rannou

Kurz nach der Senvion-Pleite im Frühjahr sagten Sie, Sie glaubten daran, dass sich der deutsche Windmarkt irgendwann wieder erholen kann. Nun hört es sich so an, als hätten Sie den Glauben an ein Comeback verloren…

Ich glaube immer noch daran, dass Politiker in der Lage sind, ihre Entscheidungen zu korrigieren. Um es klar zu sagen: Auch ohne die jüngsten Änderungen in der Energiepolitik wäre die Windindustrie nicht um die von vielen schon lange erwartete Konsolidierung herumgekommen. Die Windindustrie braucht eine Konsolidierung, diese wird durch den Politikwechsel in Deutschland nun in gewisser Hinsicht erzwungen. Der Zweck, für den Deutschland eine stabile, weniger windkraftfeindliche Energiepolitik benötigt, besteht in erster Linie darin, dass das Land auf diese Weise seine CO2-Ziele und die Verpflichtungen des Pariser Klimaabkommens erfüllen kann. Eine solche Politik würde zugleich aber auch dazu beitragen, dass die Konsolidierung in der Windbranche weniger teuer und schmerzhaft für die Mitarbeiter ausfällt. Sollte es dagegen bei der aktuellen Politik bleiben, kann später niemand behaupten, dass ihn die Folgen überrascht hätten.