GastkommentarDie neun Mythen der Geldpolitik

Die EZB „wirft die Druckerpresse an“ und Banken „parken ihr Geld“ anstatt es an die Wirtschaft „weiterzuverleihen“ – diese Metaphern sind in der öffentlichen Debatte allgegenwärtig, vermitteln jedoch ein falsches Bild vom Geldsystem der Eurozone. Da diffuse Inflationsängste in der Bevölkerung die deutsche Position im Konflikt um den Kurs der Europäischen Zentralbank stärken, gibt es auch von Seiten der Bundesbank wenig Aufklärung.

Derzeit erwarten die meisten Beobachter, dass die Europäische Zentralbank im Juni ihren Einlagesatz ein negatives Niveau senken, und damit de facto eine Gebühr von den Geschäftsbanken auf deren Überschusserven erheben wird. Den meisten Bürgern dürfte es schwerfallen, sich einen Reim auf diese Maßnahme machen. Zu obskur scheinen diese Niederungen der Geldpolitik. Eine Mitschuld trägt hier nicht zuletzt die Berichterstattung in den Medien, die im Allgemeinen ein Zerrbild des Geldsystems der Eurozone vermittelt. So sollen einem Artikel im aktuellen SPIEGEL zufolge „zögerliche Banken, die ihr Geld über Nacht bei der Notenbank parken, statt es in Form von Krediten weiterzugeben, demnächst eine Art Strafzins zahlen.“

Doch das Geld, um das es geht, ist nicht das Geld der Banken! Es ist Zentralbankgeld, das deshalb auch nicht „weiterverliehen“ werden kann. Die Metapher des „geparkten Geldes“ – derer sich jüngst sogar Bundesbankpräsident Jens Weidmann bediente – ist deshalb bestenfalls sinnfrei. Ein Annäherungsversuch an die monetäre Wirklichkeit scheint vor diesem Hintergrund lohnenswert.

Mythos 1: Das Geld

Benjamin Braun
Benjamin Braun

Zentralbankgeld und Giralgeld stellen zwei unterschiedliche Geldformen dar. Wenn wir von unserem „Geld“ sprechen, sehen wir für gewöhnlich über die Hierarchie der Geldarten hinweg. Tatsächlich aber nutzen wir für einen Großteil unserer täglichen Transaktionen die an zweiter Stelle stehende Geldart – das sogenannte Giralgeld auf unseren Girokonten. Dieses Geld kommt durch die Kreditvergabe der Geschäftsbanken in die Welt.

Bilanziell gesprochen stellt es eine Verbindlichkeit der Banken dar. Zentralbankgeld hingegen entsteht durch die Kreditvergabe der Zentralbank an die Geschäftsbanken, und stellt folglich eine Verbindlichkeit der Zentralbank dar. Es existiert als Bargeld (Münzen und Scheine) sowie als Buchgeld-Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank.

Mythos 2: Die Mindestreserve

Reserven sind Zentralbankgeld, das die Geschäftsbanken von der EZB leihen. Die Standarderklärung der Mindestreserveanforderung lautet, dass Banken einen Teil ihrer Kundeneinlagen bei der Zentralbank „hinterlegen“ müssen. Richtig ist hingegen, dass Banken Zentralbankgeld in Höhe von 1% ihrer Verbindlichkeiten halten müssen.

Doch dieses Geld hat seinen Ursprung nicht in den Einlagen der Kunden. Sondern um an Reserven zu kommen, muss das Bankensystem diese bei der EZB leihen (oder ihr Wertpapiere verkaufen).

Mythos 3: Reservekonto

Banken können Reserven nicht „an die Wirtschaft weiterverleihen“. Jede Bank muss ihre Reserven bis zur Höhe der Mindestquote in ihrem Reservekonto bei ihrer nationalen Zentralbank halten. Dort wird die Reserve zum aktuellen Leitzins verzinst. Darüber hinausgehende Überschussreserven werden auf diesem Konto nicht verzinst. Eine Bank kann diese jedoch in ihr Einlagekonto (auch „Einlagefazilität“) transferieren, wo die EZB zumindest den niedrigeren Einlagesatz zahlt.

Neben den Regierungen sind die Geschäftsbanken die einzigen Institutionen in Eurozone, die über solche Konten bei der Zentralbank verfügen. Abgesehen vom Bargeld in den Tresoren der Banken zirkulieren Reserven deshalb ausschließlich im Interbankenmarkt – ohne dabei jemals die Konten der Geschäftsbanken beim Eurosystem zu verlassen.

Mythos 4: Reserven reduzieren

Reserven reduzieren heißt: Banken zahlen von der EZB geliehenes Zentralbankgeld an die EZB zurück. Abgesehen von der Auszahlung von Bargeld an die eigenen Kunden ist dies die einzige Möglichkeit, durch die das Gesamtvolumen der vom Bankensystem gehaltenen Reserven reduziert werden kann.

Auf die Frage, weshalb es überhaupt eine Mindestreserve geben sollte, finden interessierte Zeitungsleserinnen und Leser für gewöhnlich zwei Antworten: Die Mindestreserve mache das Finanzsystem sicherer und/oder beschränke die Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken. Beide Antworten sind falsch. 

Mythos 5: Sicherheitspuffer

Die Mindestreserve ist kein „Sicherheitspuffer“. Es ist das Eigenkapital der Banken, welches das Finanzsystem sicherer macht. Ob auf der Aktivseite der Bilanz einer Bank „10 Mio. Euro Bundesanleihen“ oder „10 Mio. Euro Guthaben bei der EZB“ steht, lässt die Sicherheit des Finanzsystems weitgehend unberührt. 

Mythos 6: Die Geldschöpfung

Die Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken ist nicht durch die Mindestreserveanforderung beschränkt. Die Theorie des Geldmengenmultiplikators, wonach die Kreditvergabe der Geschäftsbanken bei einer Mindestreserveanforderung von einem Prozent einen Euro Zentralbankgeld zu 100 Euro Giralgeld „multipliziert“, ist falsch.

Der Geldschöpfungsprozess funktioniert genau umgekehrt – eine Bank vergibt einen Kredit und deckt anschließend ihre Mindestreserve, indem sie sich Zentralbankgeld von der EZB leiht. Dieses wird ihr in der Praxis von der EZB nie verwehrt – schließlich ist es die EZB selbst, welche die Bank dazu zwingt, Reserven zu halten.

Mythos 7: Zinssatz am Geldmarkt

Der eigentliche Zweck der Mindestreserve ist ein anderer: Die Mindestreserveanforderung garantiert die Kontrolle der EZB über den kurzfristigen Zinssatz am Geldmarkt. Neben den Bargeldwünschen von Bankkunden und der Zahlungsabwicklung zwischen Banken ist die Mindestreserveanforderung ein dritter, künstlich geschaffener Faktor, der das Bankensystem in ein „strukturelles Liquiditätsdefizit“ versetzt.

Dieses Defizit stellt sicher, dass die Nachfrage der Banken nach Zentralbankgeld stets positiv ist. Unter diesen Bedingungen kann die EZB als Monopolanbieter von Zentralbankgeld dessen Preis bestimmen – den Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Zentralbankgeld leihen. Die Mindestreserve ist also ein Mittel, um die Kontrolle der EZB über den kurzfristigen Marktzinssatz zu festigen.

Mythos 8: Der Leitzins

Hält das Bankensystem dauerhaft Überschussreserven, wird der Einlagesatz de facto zum „Leitzins“. Die Kontrolle der EZB über den Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Zentralbankgeld leihen, ist lediglich indirekt. Vor der Krise wurde diese indirekte Kontrolle über den Hauptrefinanzierungssatz ausgeübt, zu dem Banken bei der EZB ihren Bedarf an Zentralbankgeld „refinanzieren“ konnten.

In Zeiten massiver langfristiger Überschussreserven können die meisten Banken ihren Bedarf an Zentralbankgeld hingegen problemlos im Interbankenmarkt decken, so dass der Hauptrefinanzierungssatz seine Bedeutung verliert. Entscheidend ist nun stattdessen der „Einlagesatz“, den die EZB den Banken auf ihre Überschussreserven zahlt. Denn eine Bank A wird ihre Überschussreserven nur so lange an Bank B verleihen wie diese einen Zinssatz zahlt, der über dem Einlagesatz der EZB liegt.

Mythos 9: Negativer Einlagesatz

Die Senkung des Einlagesatzes auf ein negatives Niveau wäre vor allem ein symbolischer Akt. Die unmittelbare Folge wird sein, dass Banken ihre Überschussreserven von der Einlagefazilität auf ihre Reservekonten transferieren. Dort werden Überschussreserven zwar nicht verzinst, doch der „Strafzins“ ließe sich damit problemlos umgehen. Damit der Strafzins überhaupt einen Effekt hat, müsste die EZB also das Einlagevolumen für die Reservekonten deckeln. In diesem Fall würden die Banken ihre Überschussreserven so rasch wie möglich abbauen, indem sie diese an die EZB zurückzahlen oder an Banken in den südlichen Ländern  der Eurozone verleihen.

Ein negativer Einlagesatz wird also bestenfalls eine geringfügige Belebung des Interbankenmarktes sowie marginal niedrigere Zinskosten für die südlichen Banken bewirken. Auch hofft die EZB, dadurch eine leichte Abwertung des Euro erreichen zu können. Ganz sicher jedoch werden durch diese Maßnahme keine Reserven „frei“ oder an die Realwirtschaft „weiterverliehen“.

Auch wenn es mühsam ist – unser Geldsystem lässt sich ohne Rückgriff auf Metaphern beschreiben, die dieses System mystifizieren und so von den eigentlichen Fragen ablenken. So stellt sich etwa die Frage, ob die Senkung des Einlagesatzes nicht bloß eine Placebomaßnahme darstellt, die vor allem darüber hinwegtäuschen soll, dass andere Optionen – etwa der direkte Ankauf großer Mengen staatlicher oder privater Wertpapiere – unmöglich gemacht sind durch den Widerstands der Bundesbank, des Bundesverfassungsgerichts, und der öffentlichen Meinung in Deutschland.

Den Experten in Frankfurt kommt dabei eine Öffentlichkeit durchaus gelegen, die das Geldsystem der Eurozone und die Geldpolitik der EZB nicht versteht, sich vor der „Druckerpresse“ und der „Hyperinflation“ fürchtet, und der Bundesbank deshalb die Treue hält. Tatsächlich aber ist das Verständnis unseres Geldsystems auch außerhalb des Frankfurter Bankenviertels heute ein Prüfstein für die europäische Demokratie.

Benjamin Braun forscht an der University of Warwick in England zur politischen Ökonomie der Geldpolitik. Ab Oktober arbeitet er am Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln.

Fotos: © Glow Images; Benjamin Braun