Tech-GründerDie neuen Hidden Champions

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Ein Professor im Porsche

Es geht weiter nach Karlsruhe, barocke Residenzstadt im Norden Badens, vor allem aber Standort der ältesten Informatikfakultät Deutschlands. Eigentlich ein idealer Nährboden für Start-ups, doch obwohl die EU-Kommission Karlsruhe schon einmal zum viertwichtigsten IT-Hub Europas ausgerufen hat, gilt die Stadt nicht gerade als Aushängeschild der Gründerszene. Blue Yonder könnte das ändern.

Michael Feindt (Foto: Lêmrich)

Die Firma residiert in einem modernen Betonquader in der Nordstadt. Im Konferenzraum thronen mehr als ein Dutzend Pokale und Urkunden: Das Unternehmen hat inzwischen so ziemlich jeden deutschen Gründer- und Innovationspreis gewonnen. Verantwortlich dafür ist Gründer Michael Feindt, derzeit beurlaubter Professor für experimentelle Elementarteilchenphysik, ein charismatischer Hüne mit wirrer Frisur, der sein Oberhemd erst für den Fotografen in den Hosenbund steckt.

Vor 20 Jahren hat Feindt am Teilchenbeschleuniger CERN in Genf einen Algorithmus entwickelt, der mithilfe künstlicher Intelligenz umfangreiche Messdaten nach relevanten Mustern durchforstet. Dem Forscher wurde schnell klar, dass in der Formel Potenzial steckte: „Ich hatte schon immer große Pläne.“ Er versuchte sein Glück zunächst auf dem Aktienmarkt, ließ den Algorithmus die kurzzeitige Entwicklung von einzelnen Papieren vorhersagen. Das funktionierte zunächst ganz gut, mit der Zeit dann aber immer schlechter – der Professor wurde von der Algo-Trading-Welle überholt. Er gab nicht auf. Feindt ließ die Formel Tarifstrukturen für Versicherungen errechnen oder für Pharmakonzerne Nebenwirkungen von Medikamenten vorhersagen. Doch die großen Auftraggeber zögerten. „Es war nicht so einfach, innovative Projekte bei den Kunden durchzusetzen“, erinnert sich Feindt.

Am Ende ist es ausgerechnet die krisengebeutelte Handelsbranche, in der er sich durchsetzt. „Weil es da einen extrem harten Wettbewerb gibt. Jede Verbesserung, die sich positiv auf die Margen auswirkt, kann im Überlebenskampf entscheiden.“ 2008 entsteht Blue Yonder als Joint Venture mit dem Hamburger Versandhändler Otto. Wenig später fokussiert sich Feindt ausschließlich auf den Handel. Für Kunden wie DM oder Kaufland übernimmt sein Unternehmen die Einkaufsplanung, sagt die Nachfrage für ganze Sortimente vorher und hilft bei der Preissetzung. Dass Blue Yonder das nach eigenen Angaben bis zu 40 Prozent genauer hinbekommt als ein menschlicher Disponent, ist kein Wunder: Bei einer Supermarktkette mit 120.000 Artikeln und 500 Filialen fallen täglich 60 Millionen Entscheidungen, welche Produkte in welcher Menge geordert werden sollen. Da schlagen Algorithmen jedes noch so gut entwickelte Bauchgefühl.

Große Plakate verdeutlichen in der Karlsruher Zentrale von Blue Yonder, dass Handelsketten die wichtigsten Kunden der Firma sind
Große Plakate verdeutlichen in der Karlsruher Zentrale von Blue Yonder, dass Handelsketten die wichtigsten Kunden der Firma sind (Foto: Lêmrich)

Bis Ende 2014 bleibt Feindts Firma ein Geheimtipp. Wie im Fall von Teamviewer ist es dann ein gewaltiges Investment, das Blue Yonder in die Öffentlichkeit katapultiert: Die Private-Equity-Firma Warburg Pincus beteiligt sich mit 75 Mio. Dollar. Es ist das drittgrößte Start-up-Funding des Jahres, in Berlin reiben sich viele die Augen.

Mit dem Geld kann Feindt das Team auf 150 Mitarbeiter vergrößern, die Hälfte davon hoch qualifizierte Mathematiker, Physiker und Informatiker. Leute, die mit großen Datenmengen umgehen können, sind eigentlich Mangelware auf dem deutschen Arbeitsmarkt. In Karlsruhe aber gibt es sie, die nähere Region zählt allein 20 Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Feindt hält den Kontakt zur Wissenschaft – auch weil ihm das beim Thema Recruiting hilft. Erst am Vormittag hat er bei einem Forschungskongress einen Vortrag zu „Herausforderungen von Big Data in der Wissenschaft“ gehalten, wenige Stunden später geht es im professoralen Porsche Panamera zurück vom Uni-Campus zur Firmenzentrale. Der Blue-Yonder-Gründer drückt aufs Gaspedal und erzählt, wie es ist, wenn man als gestandener Forscher zum Start-up-Gründer wird. „Dass Verkaufen wichtig ist, musste ich erst lernen“, gibt er zu. „Früher dachte ich, das beweist man ein-, zweimal, und dann ist es gut. Das ist nicht so.“

Die Bescheidenheit, die Deutschlands Hidden Champions so sympathisch macht, kann auch zum Hemmschuh werden. Feindt hat sich davon gelöst. Kostprobe gefällig? „Wir machen deutsche Ingenieurskunst, aber amerikanisches Marketing. Wir verstecken uns nicht, sind auch selbstbewusst. Was wir können, ist Spitzenklasse.“