Tech-GründerDie neuen Hidden Champions

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Einhorn in der Provinz

40 Kilometer östlich von Stuttgart liegt die Große Kreisstadt Göppingen, 57.000 Einwohner, bekannt als Heimat von Märklin und Jürgen Klinsmann. Einen digitalen Weltmarktführer mit Milliardenbewertung würde man hier nicht unbedingt vermuten. Doch gleich hinter dem Bahnhof, zwischen einem Schrotthändler und einem Parkhaus, hat Teamviewer ein altes Gebäude der Kreissparkasse bezogen. Der Lichthof mit Springbrunnen und Fächerpalmen ist als Hinterlassenschaft der Bänker geblieben. Dazu gibt es jetzt offene Kaffeebars und im Stil des Films „Matrix“ gestaltete Meetingräume.

Teamviewer ist ein echter Hidden Champion. Als das Unternehmen, dessen Fernwartungssoftware heute auf mehr als 1,5 Milliarden Rechnern läuft, 2014 für umgerechnet 1 Mrd. Dollar von der Beteiligungsgesellschaft Permira übernommen wurde, blieb das zunächst wochenlang fast unbemerkt. Dann war das Erstaunen umso größer: ein deutsches „Einhorn“ – also ein Start-up mit einer Milliardenbewertung – in der schwäbischen Provinz?

Andreas König
Andreas König (Foto: Lêmrich)

Auch Andreas König, vom neuen Eigentümer als CEO für das Unternehmen ausgeguckt, hatte zuvor nie von Teamviewer gehört. Seit Mai 2015 führt der ehemalige Swisscom-Manager die Geschäfte. „Teamviewer hat das Potenzial, in seinem Segment etwas Ähnliches zu erreichen wie SAP“, glaubt König.

Bei Kaffee und Butterbrezeln erklärt der CEO das Erfolgsrezept: „Es gab schon davor ähnliche Produkte. Aber Teamviewer hatte den unbedingten Drang, das Thema so einfach wie möglich zu machen.“ Die erste Zutat: typisch schwäbische Ingenieurskunst. Die zweite: kein Wachstum auf Pump. „Die Firma hat von Anfang an Profit gemacht“, sagt König – etwas, das zum Beispiel in den USA gar nicht möglich wäre. „Wenn man dort einen Venture-Capitalist als Geldgeber hat und früh Gewinne macht, kann es passieren, dass er Sie aus dem Portfolio wirft.“ In Amerika sei es wichtiger, erst den Markt zu gewinnen. „Teamviewer hat irgendwie beides geschafft.“

Dass der Firmenchef, ein jovialer Österreicher mit modischer Drahtbrille und verwaschenen Jeans, so offen über den Erfolg spricht, ist für das Unternehmen noch immer ungewohnt. Jahrelang war Teamviewer so öffentlichkeitsscheu wie sein Gründer. Tilo Rossmanith, der die Firma 2005 startete und 2009 seine Anteile verkaufte, will bis heute nicht öffentlich über seine Erfindung reden. Sie basierte auf einem Zufall: Als Inhaber einer Softwarefirma wollte Rossmanith nicht immer zum Kunden fahren, um seine Programme zu präsentieren. Weil er auf dem Markt keine geeignete Lösung für dieses Problem fand, bastelte er sich selbst eine. Die wurde so erfolgreich, dass er sie ausgründete. 2007 erreichte die Software eine Million Installationen, im Jahr darauf schon 15 Millionen.

Verkauf vertagt

2014 entdeckte Permira die Schwaben. Und sorgte dafür, dass das Wachstumstempo noch einmal erhöht wurde. Für die erste Milliarde Installationen brauchte Teamviewer zehn Jahre – die nächsten 500 Millionen schaffte das Unternehmen in nur 20 Monaten. Inzwischen kommen pro Tag bis zu einer Million neue Geräte hinzu.

Gleichzeitig ist das Unternehmen mit seinen inzwischen 700 Mitarbeitern auch für Permira ein exzellentes Geschäft: 2016 machte Teamviewer 91 Mio. Euro Gewinn – bei 171 Mio. Euro Umsatz. Im Umfeld des Eigentümers heißt es, es gebe ein reges Kaufinteresse an dem schwäbischen Einhorn, bis zu 1,7 Mrd. Euro seien geboten worden. Bei Permira glaubt man aber, dass Teamviewer noch mehr wert sein kann. Verkauf vertagt.

Post-its zieren einen Bildschirm in der Sales-Abteilung von Teamviewer in Göppingen
Post-its zieren einen Bildschirm in der Sales-Abteilung von Teamviewer in Göppingen (Foto: Lêmrich)

Es stellt sich die Frage: Gehört so eine Firma noch in die schwäbische Provinz? „Man muss einige Spezialisten schon davon überzeugen, nach Göppingen zu kommen“, gibt Andreas König zu. „Es ist jetzt nicht unbedingt ein Standortvorteil.“ Die Lösung: Teamviewer geht dahin, wo die Fachkräfte sind, das Unternehmen hat Büros in Stuttgart und Berlin eröffnet. Dazu kommen Niederlassungen in den USA, in Australien und Großbritannien. Und in Armenien – die ehemalige Sowjetrepublik gilt als traditionell starker Informatikstandort.

Für ein wichtiges Zukunftsgeschäft könnte sich die Präsenz im Schwäbischen im Übrigen als sinnvoll erweisen: Teamviewer will mit seiner Software ins Internet der Dinge expandieren. Da passt es, dass es in der Nähe vor Hidden Champions aus der Industrie wimmelt, die in Zukunft ihre Produkte und Bauteile vernetzen wollen. Auch deshalb stellt König klar: „Die Frage, die Firmenzentrale zu verlagern, stellen wir uns nicht.“