EditorialDie neue Capital

Vor einiger Zeit stellte mir unsere IT zwei Schicksalsfragen: Wollen Sie eine Weiterleitung von Ihrer alten E-Mail-Adresse? Und: Wollen Sie Ihr Postfach behalten? Das klingt wie ein Formalie, aber im Grunde fragte die IT: Wollen Sie ein neues Leben beginnen? Es war Anfang des Jahres, als ich den Job bei Capital übernahm. Ich überlegte kurz und stand vor dem gleichen Dilemma wie beim Entrümpeln eines Speichers: Eigentlich kann alles weg. Aber war da nicht vielleicht doch die eine oder andere E-Mail von 2007 mit dieser Idee, die vielleicht noch mal nützlich sein würde?

Ich fällte eine Entscheidung, und sie war falsch: Alles muss mit. Und ich brauche die Umleitung.

Nachdem meine alten Ordner das neue Outlook auf dem Mac gesprengt hatten, wurde mir klar, dass ich die Chance zur Befreiung nicht genutzt hatte. Was mir nicht klar ist: wie ich auf den Verteiler des Deutschen Tanzlehrerverbandes gekommen bin. Dazu müssen Sie wissen, dass man als Journalist ungefragt auf Dutzende, oft Hunderte Verteiler kommt, die einen täglich beschießen wie Drohnenkrieger in „Star Wars“. Ich verbringe inzwischen gefühlt mehr Zeit damit, E-Mails (ungelesen) zu löschen, als sie zu lesen.

Die neue Capital, ab 21. November im Handel
Die neue Capital, ab 21. November im Handel

Wir Journalisten sind nicht allein: Fast alle spüren, dass bei der E-Mail seit einiger Zeit etwas außer Kontrolle geraten ist. „You’ve Got Mail“ – so hieß mal ein Liebesfilm mit Tom Hanks und Meg Ryan. Heute könnte man mit dem Titel auch einen Horrorfilm drehen. Mit diesem Pling, das uns zusammenzucken lässt.

Als 2011 Thierry Breton, Chef des IT-Konzerns Atos, ankündigte, die E-Mail bis 2014 abzuschaffen, hielten das viele für reine PR. Wir haben Atos bei der Revolution ein wenig begleitet und das Projekt in der finalen Phase genauer angeschaut. Auch wenn Breton Aufmerksamkeit erregen wollte, denke ich, geht es bei dieser Geschichte gar nicht um Atos. Es geht um uns alle. Es gibt kaum noch klare Regeln, wie man im Büro kommuniziert. An wen wir schreiben, mit wem wir reden – und mit wem nicht. (Obwohl er auf dem gleichen Gang sitzt.) Das sollte sich ändern.

Wir haben ein kleines Experiment gemacht: Für die Entstehung der Titelgeschichte (Seite 32) durften wir intern keine E-Mail schreiben. Wir nutzten Facebook, Telefon, SMS – und vor allem redeten wir miteinander. Das war gut! Ein paar Mal haben wir das Verbot vergessen; aber genau da beginnt die Lösung. Wir haben wieder gemerkt, wozu die E-Mail gut ist: für den schnellen Austausch von Infos zwischen zwei Menschen.

Und jetzt tauchen Sie ein in die Welt der Wirtschaft!

 

Horst von Buttlar

Chefredakteur

 

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