KolumneDie morbide Tristesse der Bankfiliale

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Kürzlich war ich zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder in einer Bank. Es ging um die Beglaubigung meiner Unterschrift für das Konto eines Vereins, den ich seit einigen Monaten ehrenamtlich führe. Und witzigerweise musste ich ausgerechnet in die Filiale, wo ich vor 40 Jahren ein Konto eröffnet hatte: die Deutsche Bank am Hohenzollernring 14 mitten in der Kölner Innenstadt. Damals herrschte dort selbst zur Mittagszeit ein reges Geschäftstreiben, mindestens zwei Dutzend Mitarbeiter in dunklen Anzügen oder blauen Kostümen signalisierten durch ihr ganzes Verhalten den Stolz (und manchmal auch die Arroganz) einer deutschen Institution. Denn das war die Deutsche Bank damals.

Und heute? Die Beglaubigung lief ganz problemlos, der Mitarbeiter an der Kasse zeigte die professionelle Freundlichkeit eines langjährigen Bankangestellten. Und trotzdem hing über der ganzen großen Schalterhalle die Tristesse eines langsamen Todes. Ganze drei Mitarbeiter verloren sich in dem riesigen Raum, die strenge Kleiderordnung ist längst passé. Alles wirkt irgendwie billig möbliert und in die Jahre gekommen. Keine Spur mehr von alter Größe.

Die Zeit geht über die Filialen hinweg

Noch schlimmer gut einen Kilometer weiter am Kaiser-Wilhelm-Ring: in der noch viel schäbigeren Filiale der Köln Bonner Sparkasse bin ich mittags der einzige Kunde. Trotzdem warte ich eine Weile, weil die beiden Mitarbeiter damit beschäftigt sind, ein Problem an ihrem Computer zu lösen. Der ganze Schalterraum wirkt wie die leergeräumte Halle eines Lebensmitteldiscounters. Ganz hinten in einem Glaskasten in der rechten Ecke lauert der Filialleiter auf Kunden – zu dieser Stunde offenbar vergeblich.

Wenn die Vorstände von Banken über ihre Filialen reden, hört man oft eine merkwürdige Argumentation: Ja, sicher – die Bankgeschäfte könne man inzwischen alle bequem am Computer oder am Geldautomaten erledigen. Aber die Filialen seien immer noch wichtig für den guten Ruf der Kreditinstitute und als Anlaufpunkt für ratsuchende Kunden. Vor Jahren gab es sogar die Diskussion, die Filialen doch zu einer Art Café umzubauen, um Kunden und potentielle Kunden in entspannter Atmosphäre anzusprechen. Von dieser Idee ist nach zahlreichen Sparrunden und fortlaufendem Mitarbeiterabbau so gut wie nichts mehr übriggeblieben, wenn man von einzelnen Vorzeigeprojekten absieht. Früher verzogen sich gerade die Deutsche Bank oder die Commerzbank hinter die dicken Mauern von Gründerzeitburgen – man nannte es „repräsentativ“. Heute logieren sie oftmals in schäbigen achtziger Jahre Schlichtbauten, die vor allem eines signalisieren: Die Zeit geht über uns hinweg.

Die Banken sollten ihr Filialnetz, das sie sich eigentlich gar nicht mehr leisten können, viel mutiger abbauen als sie es gegenwärtig tun. Wer wirklich einmal alle sechs Jahre persönlich vorsprechen muss, dem kann man ruhig einen längeren Weg zumuten. Alle anderen Bankgeschäfte – vom Girokonto über das Wertpapierdepot bis zur Baufinanzierung – erledigt man bequem am Computer oder am Smartphone. Es ist Zeit, die Revolution im Privatkundengeschäft endlich zu starten, über die unsere Kreditinstitute nun schon seit mindestens zehn Jahren reden.

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