Interview„Die Lieferketten sind nicht irreparabel kaputt“

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Wie lange wird es dauern, bis das System Autoproduktion wieder läuft?

Das wird vier bis acht Wochen dauern. Wir sehen bei den Führungskräften eine extrem hohe Nervosität. Ich höre von sehr vielen: Wenn man im Mai nicht loslegen darf, entstehen irreparable Schäden.

Auch vor Corona war das Zuliefersystem fragil. Wird sich da, etwa bei der Wertschöpfungstiefe grundsätzlich etwas ändern (müssen)?

Da bin ich sicher, dass sich die Art des Zusammenarbeitens ändern wird, schon alleine aufgrund des wirtschaftlichen Drucks. Weil Kapitalkosten extrem gering waren und Geld nichts gekostet hat – und das wird ja so bleiben – hatten wir einige Zombie-Unternehmen, die in einer normalen Geldwirtschaft nicht mehr existieren würden. Da wird es nun eine Auslese geben.

Wer sind die Konsolidierer, sind das die Großen wie Bosch, Conti, Schaeffler, ZF?

Ja, aber es können auch große, gesunde Mittelständler sein, die im Zuge der Lage Wettbewerber aufnehmen. Im Augenblick gilt: Cash is king und über diese Barmittel verfügen ja einige von denen, die gut gewirtschaftet haben.

Andersrum hat das Gesamtsystem davon profitiert, dass alles auf Kante genäht war. Muss es jetzt teurer werden, wenn es sicherer wird?

Nein, das können sich die Unternehmen nicht erlauben.

Was wären – auch für andere Branchen – Möglichkeiten, aus Corona zu lernen?

Unter anderem sollten die Firmen ihre indirekten Funktionen im Unternehmen beleuchten. Und sie sollten die Lehren aus den Homeoffices und der Digitalisierung nutzen, da gibt es noch viele Potenziale. Das sehen viele Führungskräfte jetzt erst – im Homeoffice. Als nun direkt Betroffene spüren sie dieMängel bei der IT oder fehlenden Zugriff auf Mitarbeiter sofort und unmittelbar. Jetzt endlich machen sie sich ernsthafte Gedanken über ihre Geschäftsprozesse, weil sie plötzlich Betroffene sind.

Wird die Neuorganisation von Lieferketten erst ein Thema, wenn der Anfahr-Stress vorbei ist?

Die Erkenntnisse aus dieser Krise hatten, dürfen wir nicht vergessen, nur weil jetzt vielleicht wieder etwas Normalität eintritt. Ein Zurück zum Alten wird es nicht geben. Diejenigen, die aus dieser Krise gelernt haben, wie sie ihre Geschäftsprozesse optimieren können, die werden einen Vorteil haben. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor in dieser Krise war Transparenz über Geschäftsprozesse und Lieferketten. Wenn ich es schaffe, meine Lieferketten so zu organisieren, dass ich Transparenz über die Volumina habe und diese Transparenz in mein Unternehmen überführe, dann bin ich auch für die nächste Krise gewappnet.

 


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