Interview„Die Lieferketten sind nicht irreparabel kaputt“

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Wie sieht es innerhalb der Unternehmen aus?

Auch bei der Verfügbarkeit der internen Kapazitäten fehlt es an Übersicht, weil jetzt alles so schnell gehen muss. Das gilt besonders in der Produktion und Logistik, wo sich Kurzarbeit und Arbeitskräfteabbau auswirken. Zudem sind die Zeitkonten der Arbeitnehmer leer, als Unternehmen können Sie nicht mehr flexibel arbeiten. Etliche haben einen sehr hohen Auftragsbestand und müssen jetzt ganz schnell produzieren.

Was können Unternehmen tun?

Es wird eine ganz hohe Last auf die Logistikketten kommen und derjenige, der sich jetzt schon einen Vorsprung sichert, wird profitieren. Aus unserer Sicht muss man jetzt sehr aktiv sein: Wer vorher eine Taskforce Corona hatte, sollte jetzt eine Taskforce ramp up management etablieren. Firmen müssen fragen: Welche kritischen Produkte habe ich, welche Produkte gehen gut und dann bei diesen Produkten anschauen: Welche kritischen Lieferanten habe ich in der Lieferkette. Haben die, was ich benötige? Steht meine Logistikkette? Dann kann ich loslegen.

Sie beklagen fehlende Transparenz – sollte da nicht längst digitale Technik helfen?

Wir haben in der Logistikbranche das Problem, dass wir sehr fragmentierte Logistiksysteme haben. Wenn Sie als Privatperson online ein paar Schuhe bestellen, können Sie mit einer Liefernummer verfolgen, wo Ihre Ware ist – das gibt’s leider in den globalen Lieferketten kaum. Es fehlen durchgehende Systeme., das ist leider eine Schwäche. Einige Start-ups versuchen, das Ganze zu integrieren und genau diese Transparenz herzustellen, das würde viel bringen.

Das heißt, Unternehmen spüren jetzt umso schmerzhafter ihre Mängel.

Das Thema Prozessdigitalisierung und Effizienzsteigerung wird sehr wichtig, gerade im Lichte der Erfahrungen des Shutdown. Aber da wird sich erst einmal zu wenig bewegen, weil die Führungskräfte in den nächsten Wochen operativ an der Front arbeiten müssen. Das ist schade, denn eigentlich hat sich in der Krise gezeigt, dass Sie über nachvollziehbare digitale Prozesse Ihr Unternehmen steuern können. Viele Führungskräfte merken das jetzt: Homeoffices sind für die, die sich schlecht vorbereitet hatten, zu Blackboxes geworden. Für diejenigen Unternehmen, die saubere Prozesse hatten, waren es einfach funktionierende virtuelle Räume.

Und die Transportkapazitäten: Wird es teuer, weil sie knapp sind?

Nein, das wird nicht das Problem. Die Container sind ja schon unterwegs aus China. Die Lieferketten sind gefüllt und laufen an.

Die Autoproduktion ist besonders komplex. Wird es da besonders schwierig?

Es gibt keine Branche, die so fragmentiert und vernetzt ist, wie die Automobilbranche. Die Wertschöpfungstiefe des Herstellers, der das Auto verkauft, ist sehr gering. Das ganze Zuliefernetzwerk muss systematisch wieder angefahren werden. Ganz wichtig ist die Frage, wer in dem Netzwerk schon umgefallen ist. Man hat in den letzten Wochen da schon einige Insolvenzen gesehen, eher bei den kleineren und mittleren. Wir erwarten hier einen Nachfragerückgang von 10 bis 15 Prozent. Der wird sich wahrscheinlich auf absehbare Zeit nicht erholen. Da sind zwei Effekte: Das eine ist der technologische Wandel, das andere ist: Auch durch diese Krise ist die Mobilität zurückgegangen. Man wird daraus lernen und andere Mobilitätslösungen und reduziertere Mobilität wieder einführen. Und bis die Sicherheit wiederkommt, die für Nachfrage sorgt, wird es noch dauern. Jemand, der sich vor vier Wochen ein Auto kaufen wollte, wird sich nicht unbedingt in vier Wochen eines kaufen. Die Zurückhaltung wird bleiben.

Dabei sollte die verzweigte Struktur doch den Autoherstellern Flexibilität bringen?

Zu der ohnehin fragmentierten Automobilkette kommt noch das ganze Thema just in time hinzu, der Anspruch nach Liefergenauigkeit ohne Lagerbestände, ein System, in dem man versucht, das working capital extrem gering zu halten. Da wieder die Mindestlagerbestände anzusammeln, erzeugt eine enorme Verzögerung im System. Die meisten haben ja nicht wegen Corona aufgehört, sondern weil die Lagerbestände fehlten. Ein System, das so auf Abhängigkeiten ausgelegt ist, braucht unglaublich lange, um wieder richtig zu funktionieren.