Davos 2019Die Lage der Welt erklärt in sieben Bildern…

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# 5 Die Lage ist klar, die Lösungen nicht ganz so

Kameras mit mehr oder weniger klugen Leuten davor, die in analytischen Siebenmeilenstiefeln den Globus umrunden.
Kameras mit mehr oder weniger klugen Leuten davor, die in analytischen Siebenmeilenstiefeln den Globus umrunden.

Es fehlt nicht an Diagnosen in Davos. Man hört jedes Jahr Hunderte, und viele ähneln sich, gleichen sich an. Analytischer Herdentrieb. In diesem Jahr war die Kernformel: Die Weltwirtschaft trübt sich sein, die Stimmung darf jetzt aber nicht zu düster werden. Was sich allerdings auch ähnelt: die Diagnosen über die Jahre. Die Konjunktur mag rauf und runter gehen, der Handelskrieg zwischen USA und China die Welt erst seit gut einem Jahr in Atem halten – viele übergreifende Themen werden auf dem Weltwirtschaftsforum immer wieder diskutiert, etwa das Thema des „inklusiven Wachstums“, das allen und nicht nur einigen Reichen nutzt. Wohlstand für alle.

Oder nehmen wir das Thema der digitalen Transformation. Ich habe mal in meine Bilanz 2017 geschaut, und war erstaunt ob des Déjà-vu. IBM-Chefin Ginni Romnetty etwa verkündete ihre „New Collar“-These schon 2017 auf dem Panel, dieses Jahr wieder. Im Kern geht es dabei um die Millionen Jobs, die durch Automatisierung einmal verschwinden werden – und die „skills crisis“ dahinter, also dass Fähigkeiten und Anforderungen an Jobs nicht mehr zusammenpassen. Statt „Blue Collar“ und „White Collar“ also „New Collar“.

Diese globale Grundangst über die Megatransformation unserer Wirtschaft – die von WEF-Gründer Klaus Schwab beschriebene „vierte industrielle Revolution“ – ist analytisch im Prinzip durchdrungen: Technologien wie Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz, Blockchain und so weiter werden kommen oder werden schon eingesetzt – und sie werden die Wirtschaft tiefgreifend verändern. Noch aber ist unklar, wo wir genau zwischen Buzzword, Bullshit und Business stehen. Vor allem aber ist unklar, wie verheerend diese Technologiewelle für die Arbeitsmärkte sein wird. Was tun? Es ist schwer, einen Segen zu predigen, wenn die Verheißung Verheerung bedeutet. Hier fehlt der zündende, rettende Gedanke.

Es wird zwar viel und abstrakt über Leadership gesprochen, über Vertrauen oder – das neueste Lieblingswort der Elite – den „Purpose“ einer Weltwirtschaft. Allein: Es gibt Einzelstrategien von Unternehmen dagegen, aber eine kohärente Lösung für die Gesellschaft hat kaum einer. Oder doch?

#6 Technologie ist die Herausforderung – aber auch die Lösung

Die Vision einer ultrasmarten „Gesellschaft 5.0“: Diese Idee präsentierten in Davos Wirtschaftsminister Hiroshige Seko, der Präsident der Universität von Tokio, Makoto Gonokami, sowie der Executive Chairman von Hitachi, Hiroaki Nakanishi
Die Vision einer ultrasmarten „Gesellschaft 5.0“: Diese Idee präsentierten in Davos Wirtschaftsminister Hiroshige Seko, der Präsident der Universität von Tokio, Makoto Gonokami, sowie der Executive Chairman von Hitachi, Hiroaki Nakanishi

Die Amerikaner dominieren Davos in der Regel (auch wenn die Asiaten immer mehr werden, auch das ist ein Spiegel der tektonischen Verschiebung der Weltwirtschaft). Am Rande aber stößt man manchmal auf Initiativen, die einen überraschen. In diesem Jahr kam so eine aus Japan – unter dem Titel „The Nippon Challenge“ verkündeten Vertreter Japans die Utopie einer „Society 5.0“.

Die Grundidee wurde zwar schon 2017 auf der Cebit von Premier Shinzo Abe vorgestellt, das Besondere aber war hier die Konstellation: Am Tisch saßen Wirtschaftsminister Hiroshige Seko, der Präsident der Universität von Tokio, Makoto Gonokami, sowie der Executive Chairman von Hitachi, Hiroaki Nakanishi.

Man kommt bei den ganzen X.0-Endungen ja durchaus mal durcheinander. Im Kern ist „Society 5.0“ die Antwort Japans auf die vierte industrielle Revolution. Die Broschüren, die sie dazu verteilten, sind zwar recht wolkig, die Grundidee aber ist interessant: Technologie ist keine Bedrohung, sondern die Lösung. Die Japaner wollen Technologie entschlossen nutzen, um ihre tiefgreifenden Probleme, vor allem die Überalterung der Gesellschaft, die Energieversorgung und den Klimawandel, zu lösen.

„Society 5.0“ ist die fünfte Entwicklungsstufe der Menschheit, nach dem Jäger und Sammler-, dem Agrar-, Industrie- und dem  Informationszeitalter komme nun das Zeitalter der Vernetzung, der „Imagination Society“ – eine Gesellschaft, die Künstliche Intelligenz, Robotik und Big Data für sich einsetzt, und sich davon nicht verunsichern oder gar schädigen lässt. Dazu wollen die Japaner neue Allianzen zwischen Staat, Unternehmen und der Wissenschaft – statt PPP (Public Private Partnership) sprechen sie von PPAP (Public Private Academic Partnership), etwa durch gemeinsame Innovationslabore.

Außerdem, und die Idee ist noch radikaler, will sich Japan für einen weltweiten Freihandel mit Daten einsetzen, der unter dem Dach der WTO geregelt wird. Auch dafür haben sie eine Abkürzung: DFFT oder  „Data Free Flow with Trust“.  Nicht personalisiert, reguliert, aber doch frei, wie beim Austausch von Waren. Eine „ultrasmarte Gesellschaft“ ist das Ziel. „Und Japan wird eine zentrale Rolle spielen, so ein System aufzubauen“, sagte Wirtschaftsminister Seko.

Das alles mag noch recht abenteuerlich und vage klingen – das Charmante aber ist die Haltung: Hier wird keine Bedrohung skizziert, sondern eine Lösung – nicht Angst ist der Antrieb, sondern Ehrgeiz.

#7 Trotz aller Probleme: Kleine kluge Ideen funktionieren immer!

Die Zurich Versicherung hat einen Stand, an dem es warme Getränke gibt und blaue Mützen verschenkt werden – bei im Schnitt minus 15 Grad in Davos eine gute Idee
Die Zurich Versicherung hat einen Stand, an dem es warme Getränke gibt und blaue Mützen verschenkt werden – bei im Schnitt minus 15 Grad in Davos eine gute Idee

Man fragt sich ja immer, wer von der globalen Elite so blöd ist, und nach Davos ohne Mütze kommt. Vor allem, wenn es wie in diesem Jahr im Schnitt minus 15 Grad ist. Es gibt einige CEOs und Investoren, die auch bei Eiseskälte die paar Hundert Meter zwischen Kongresszentrum und ihrem Hotel im gut geschneiderten Anzug zurücklegen. Eine Minderheit. Andere, wie etwa Blackstone-Chef Stephen Schwarzman, tragen jedes Jahr Boots zum Anzug. VW-Chef Herbert Diess war unter Mütze und Mantel kaum zu erkennen, und schälte sich förmlich bei einem Treffen mit Journalisten aus mehreren wärmenden Lagen. Die Zurich Versicherung hat seit einigen Jahren eine kleine, aber geniale Idee: Sie verschenkt blaue Mützen. Und da viele keine Mützen mithaben, wandern nach einigen Tagen überall durch Davos diese blaue Mützen mit dem Zurich Logo. Geniales Marketing. Eine kleine kluge Idee in einer großen Welt voller Probleme.

Fotos: Horst von Buttlar