KolumneDie kommende E-Auto-Invasion aus China

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Schon einmal etwas von BYD, Chery oder Zotye gehört? In Europa wahrscheinlich eher Nein. In der Volksrepublik China aber gehören die drei Marken zu den Pionieren der Elektromobilität – und fast jeder kennt sie. Nicht weniger als 486 heimische Hersteller, so meldete Bloomberg vor kurzem, entwickeln und produzieren dort mittlerweile E-Fahrzeuge aller Art. Hinzu kommen die deutschen, japanischen und amerikanischen Konzerne, die ebenfalls ihre ganze Hoffnung auf den chinesischen Markt setzen, wenn es um Elektroautos geht. Nirgends sonst auf der Welt rangeln so viele Wettbewerber um einen Platz an der Sonne wie in der Volksrepublik. So ein Hauen und Stechen um Marktanteile gab es seit dem Beginn des Autozeitalters vor über 100 Jahren noch nie.

Die chinesische E-Auto-Szene beweist vor allem eins: Die Markteintrittsbarrieren in der Autoindustrie waren noch nie so niedrig wie heute. Weil Elektroautos ganz ohne komplizierte Motoren und Getriebe auskommen, sinkt das notwendige Know-how für die Produktion eines Fahrzeugs erheblich – und damit auch der Bedarf an Kapital. In China erproben einige E-Auto-Anbieter bereits ein Modell, das wir bisher nur von Apple und Co. kannten: Sie entwickeln zwar Fahrzeuge, aber produzieren sie gar nicht mehr selbst. So gut wie alles, was man unter der Haube eines E-Modells braucht, kann man aus den Regalen der Zulieferer bequem zusammenkaufen – von der Batterie bis zum Motor.

Aufholjagd mit E-Autos

Viele chinesische E-Pioniere machen sich das Leben leicht: Sie kopieren schamlos das Design europäischer Konkurrenten, beziehen die Komponenten für ihre Autos von überall, nutzen das breit vorhandene Digital-Know-how chinesischer Elektronik- und Computerhersteller und konzentrieren sich ansonsten ganz auf Marketing und Vertrieb. Kooperationen mit erfahrenen Autokonzernen, vor allem deutschen, sind dabei hoch willkommen, um weiteres technisches Wissen abzugreifen. Die Regierung in Peking gibt den Herstellern größtmöglichen Freiraum, weil sie mit E-Fahrzeugen die größte Chance sieht, auf Sicht von zehn, zwanzig Jahren endlich in die Weltspitze der Automobilindustrie vorzustoßen.

Im nächsten Schritt wird die chinesische Industriepolitik dafür sorgen, dass aus dem Wildwuchs allmählich ein überschaubares Feld von konkurrenzfähigen E-Anbietern entsteht. Spätestens dann kann man damit rechnen, dass die chinesischen Hersteller mit Gewalt auch nach Europa exportieren werden. Sie folgen dem Beispiel der Japaner und Koreaner, die sich mit ihren Autos auch bei uns erfolgreich Nischen erkämpft haben. Mit der Elektrifizierung und Digitalisierung der Autos könnte die Aufholjagd dieses Mal deutlich schneller gehen als in der Vergangenheit. Denn die Stärken von BMW, VW oder Mercedes verschwinden in der neuen Ära der Automobilgeschichte zwar nicht, aber sie relativieren sich.

Einstweilen belächeln wir noch chinesische Autos genauso, wie wir vor einigen Jahrzehnten erst die Japaner und dann die Koreaner belächelt haben. Das dürfte sich in Zukunft noch schwer rächen. Wiedervorlage in etwa zehn Jahren.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.