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Bernd Ziesemer Die kluge China-Strategie von Siemens

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Siemens-Chef Roland Busch gibt in der Volksrepublik Gas, aber bremst zugleich kräftig. Andere Unternehmen sollten sich daran ein Beispiel nehmen

Entkoppeln oder weiter mit voller Kraft voraus – diese falsche Alternative tragen viele deutsche Konzerne in ihren Debatten über ihren künftigen Kurs in China vor sich her. Siemens zeigt aber in diesen Tagen, dass es im Reich der Mitte durchaus auch einen ausgewogenen Mittelweg geben kann. Konzernchef Roland Busch hat seine China-Strategie zuletzt noch einmal feinjustiert und in der vergangenen Woche in München vorgestellt. Dabei geht es um zwei Entscheidungen, die gleich wichtig sind und gemeinsam zu sehen sind: Siemens investiert noch einmal kräftig in der westchinesischen Großstadt Chengdu, um die wachsende Nachfrage nach Automatisierungstechnik im ganzen Land zu befriedigen. Gleichzeitig baut der Konzern in Singapur ein neues Werk, das künftig die übrigen Märkte in Asien mit den gleichen Produkten beliefern soll.

Siemens kann mit diesem Doppelschritt weiter am Wirtschaftswachstum in China partizipieren, zugleich aber die Risiken für das Gesamtgeschäft verringern. Busch erwartet für seine wichtigste Sparte „Digitale Industrien“ bis 2025 eine glatte Verdopplung der Umsätze in China. Es wäre dumm, diese Chance zu vergeben. Und um sie wahrzunehmen, geht es nicht ohne Kapazitätserweiterungen und damit weitere Investitionen. Auf der anderen Seite darf sich Siemens nicht zu stark vom China-Geschäft abhängig machen.

Busch sieht sehr wohl die geopolitischen Risiken. Militäraktionen gegen Taiwan oder eine noch stärkere Unterstützung Wladimir Putins könnten über Nacht zu westlichen Sanktionen gegen China führen. Siemens macht rund 13 Prozent seiner Umsätze in der Volksrepublik. Aber selbst ein totaler Ausfall der Geschäfte würde den Konzern nicht in den Abgrund treiben, wenn alternative Lieferketten für andere Märkte zur Verfügung stehen. Deshalb kann man das Werk in Singapur als geopolitische Risiko-Versicherungspolice bezeichnen.

China ist auf Siemens-Produkte angewiesen

Eine dritte Komponente muss allerdings hinzukommen – aber es ist klug, wenn Siemens öffentlich nicht darüber redet. Der Konzern muss viel stärker als bisher dafür sorgen, seine Technologien in China zu schützen und zu verhindern, dass „duale“ Komponenten in den Rüstungsfabriken Xi Jinpings landen. Siemens kann es sich leisten, durchaus selbstbewusst gegen die Chinesen aufzutreten. Anders als zum Beispiel in der Autoindustrie, wo deutsche Unternehmen längst zum austauschbaren Spielball Pekings geworden sind, braucht China einschlägige Siemens-Produkte dringend, wenn das Land nicht den Anschluss an die Weltspitze verlieren will. Die Automatisierung der Fabriken ist ein ganz wichtiger Baustein, wenn das Schwellenland China nicht noch tiefer in die berüchtigte „Middle-Income-Trap“ rutschen will.

Die Siemens-Strategie macht nicht nur wirtschaftlich für andere Unternehmen Sinn, sie kann auch als Blaupause für die Politik herhalten. Die Bundesrepublik muss künftig vier Dinge gleichzeitig angehen: die starken Abhängigkeiten von China reduzieren, die Lieferketten für andere Märkte von der Produktion in China entkoppeln, unsere Technologien besser schützen – aber gleichzeitig weiter alle Geschäftschancen in der Volksrepublik nutzen. Natürlich gefällt diese Strategie Xi Jinping überhaupt nicht. Sie wird sich nicht ohne heftige Auseinandersetzungen mit den Chinesen umsetzen lassen. Aber je mehr die Europäer in diesen Kämpfen mit einer Stimme sprechen, umso schwieriger wird es für China, sich zu widersetzen.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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