KöpfeDie Jagd auf Steven Cohen

Hedgefondsmanager Steven Cohen
1992 gründete Cohen fast ausschließlich mit eigenen Mitteln SAC Capital Partners. Im Jahr 2000 begann er Kunst zu sammeln. Cohen ist zum zweiten Mal verheiratet und hat sieben Kinder
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In der Zentrale von Steven Cohens Imperium ist es still wie in einer Bibliothek. Hier und da mal ein Rascheln, ein Flüstern, ein Räuspern. Niemand schreit Kursbewegungen, bellt Bestellungen ins Telefon, niemand springt auf, niemand wirft Papier umher. Noch nicht einmal Telefone klingeln; wenn einer anruft, gibt es ein Lichtsignal. Cohen mag keinen Krach. Es ist kühl hier, im Sommer und im Winter nur 20 Grad, die Händler sollen wach bleiben. Cohen und seine Leute tragen graue oder blaue Fleecejacken.

Von jedem Arbeitsplatz im Raum haben sie ihren Chef im Blick, auf einem der vielen Monitore. Die „Steve Cam“, eine Videokamera, ist den ganzen Tag auf ihn gerichtet. Cohens Leute sollen nie vergessen, für wen sie arbeiten.

An der Wall Street ist dieser Raum ein Mythos. Ein ehemaliger Mitarbeiter nennt ihn „Haifischbecken“. Gesehen hat ihn kaum einer, aber alle reden darüber. Es gibt haargenaue Berichte und eine Handvoll Fotos. Reporter haben nur sehr selten Zutritt – und derzeit gar nicht. Hier, in diesem kalten, stillen Raum in Stamford nördlich von New York, regiert Cohen über seinen milliardenschweren Hedgefonds SAC Capital Advisors. Hier hat er seine sagenumwobenen Renditen eingefahren und seine Beinamen erhalten: Genie, Wunderkind, Zauberer.

Und von hier aus muss er zusehen, wie sein Imperium in die Enge getrieben wird. Die US-amerikanische Börsenaufsicht SEC macht seit Jahren Jagd in der Hedgefonds-Welt. Sie hat einige zur Strecke gebracht. Und langsam, aber sicher hat sie auch Cohen und SAC eingekreist. Ende Juli hat die US-Staatsanwaltschaft SAC wegen Insiderhandels angeklagt. Nicht Cohen selbst, sondern sein Unternehmen, das ist im Strafrecht der USA möglich. Der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara nannte den Fall den größten Insiderhandel der Geschichte, SAC sei ein „Magnet für Markttrickser“.

Offenbar waren die Indizien so erdrückend, dass der Hedgefonds bereit war, sein Fehlverhalten einzuräumen und eine Geldbuße in Rekordhöhe zu zahlen. Bharara hatte angeboten, den Fall einzustellen, sollte sich SAC schuldig bekennen und weitere 1,2 Mrd. Dollar Strafe zahlen – zusätzlich zu den 616 Mio. Dollar, die Cohen bereits aus einem früheren Vergleich aufbringen muss. Am Montag willigte der Beschuldigte schließlich ein. Zusätzlich zu der Strafe darf SAC künftig auch keine Kundengelder mehr betreuen. Übrig bleibt Cohens stattliches Vermögen, das vom US-Magazin „Forbes“ auf 9,4 Mrd. Dollar geschätzt wird.

Methoden wie bei der Mafia

Das Zivilverfahren der Börsenaufsicht gegen Cohen läuft weiter. Die Behörde ermittelt allerdings nicht wegen Insiderhandels, sondern weil er zwei Mitarbeiter nicht ausreichend beaufsichtigt haben soll, die womöglich in Insidergeschäfte verstrickt gewesen sind. Staatsanwaltschaft und SEC fällt es schwer, handfeste Belege gegen den 57-Jährigen beizubringen. „Sie gehen mit einer Al-Capone-Taktik vor“, sagt John Coffee von der Columbia Law School. Jahrelang fand die Polizei keine Beweise gegen den berühmten Mafiaboss, 1931 wanderte er wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis.

Die Jagd auf Cohen ist symbolisch, sie steht für eine Zeitenwende an der Wall Street: „Es ist neu, dass die Staatsanwaltschaft sich an die richtig großen Fälle heranwagt“, sagt Solomon L. Wisenberg von der Kanzlei Barnes & Thornburg, einer der bekanntesten Strafverteidiger von Insiderhändlern und Autor des Buchs „White Collar Crime: Securities Fraud“. Seit Bharara im Sommer 2009 angetreten ist, hören die Behörden Verdächtige und Spitzel mit geheimen Mikrofonen ab, das habe alles verändert. „Bharara ist sehr ehrgeizig“, sagt Wisenberg. „Er hat mit den Verkabelungen etwas getan, was niemand an der Wall Street erwartet hat.“

Jahrelang mussten sich die Behörden anhören, dass sie zu zahm seien. Dass sie die Großen nicht zu fassen bekämen. Vorbei. Der 44-jährige Bharara hat 2009 bereits den Hedgefonds Galleon zu Fall gebracht – mit einem verwalteten Vermögen von 7 Mrd. Dollar einer der mächtigsten Player der Branche. Der Gründer Raj Rajaratnam, gebürtiger Sri Lanker, wurde zu elf Jahren Haft verurteilt. Rajat Gupta, der in den Verwaltungsräten von Procter & Gamble und Goldman Sachs gesessen und Firmengeheimnisse an seinen Freund Rajaratnam weitergegeben hatte, wurde zu zwei Jahren Gefängnis und zur Zahlung einer Millionenstrafe verurteilt.