History-Serie1873 - wie ein Börsencrash die Gründerzeit beendet

Seite: 4 von 5

Der Staat sah der Krise mehr oder weniger hilflos zu. Der jähe Aufstieg und der noch rasantere Fall der Gründerwelt überforderte sowohl die Fantasie als auch das vorhandene Instrumentarium der königlich-preußischen Finanzverwaltung. Noch existierte keine Zentralbank im Deutschen Reich. Sie wurde erst 1876 als verspätete Antwort auf den Crash ins Leben gerufen. Doch auch diese neue „Reichsbank“ versuchte vor dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik meist nur zögerlich, in Krisensituationen einzugreifen. Wirtschaftliche Erholung, so das Credo, habe aus sich selbst zu kommen. Erst das katastrophale Ergebnis ihrer Laissez-faire-Haltung in der Weltwirtschaftskrise von 1929 bereitete den Weg dafür, dass heute die Deutsche Bundesbank und die Europäische Zentralbank ihr geldpolitisches Steuerungspotenzial voll nutzen können.

1873 aber lag die Börse am Boden und war in der öffentlichen Meinung zum Abschuss freigegeben. Hatte man nicht immer schon gewusst, dass der „Börsenschwindel“ nicht funktionieren konnte? Bei Banken, die nach zehn Monaten Bestehen eine Dividende von 47 Prozent ausschütteten! Bei marktschreierischen „Prospecten“, die „alles versprechen und zu nichts verpflichten“. Sogar Aktien-Brauereien – so tobte Otto Glagau – hätten aus schnöder Gewinnsucht ihre Biere zu so üblem Sud verkommen lassen, dass der Volksmund sie „Dividendenjauche“ schimpfte! Adelige und Großgrundbesitzer wandten sich – nachdem sie munter viel Geld verspielt hatten – mit Abscheu und Empörung von den liberalen Parvenüs ab.

Die Börsianer, jetzt die bösen Buben, wollten die Alleinschuld nicht übernehmen. Mitverantwortlich für die Katastrophe sei „die Spielsucht des Publikums“ und ganz besonders die „Gewinnsucht der kleinen Leute“. Glagau hielt im damaligen Massenblatt „Die Gartenlaube“ dagegen: „Die ,kleinen Leute‘ hatten von der Börse bis 1870 nur eine schwache Ahnung. (…) Sie verwahrten ihr Geld im Strumpf, sie gaben ihr Geld auf die Sparkasse oder auf Grundstücke – bis der Gründungsschwindel auch sie in seinen Strudel zog. (…) Sie verdienen als die Verführten nur Bedauern und Entschuldigung während die ganze Schuld, die unbedingte Verurtheilung die Verführer trifft.“

Manche der Verführer entzogen sich ihren Gläubigern durch Flucht oder Untertauchen. Zeitungen in Wien berichteten von Börsenhändlern, die „Selbstmord fingierten, indem sie ihre alten Kleider an einer Brücke niederlegten und in neuen das Weite suchten“.

Heinrich Quistorp floh nicht. Er verlor sein gesamtes Vermögen. Gleich nach dem Konkurs erschien der Gerichtsvollzieher bei ihm und einem Kompagnon. Die „Berliner Gerichtszeitung“ berichtete: „Die Herren Directoren der in Concurs gerathenen Westend-Gesellschaft, Quistorp und Scheidler, sind inzwischen durch die Beschlagnahme ihres persönlichen Vermögens in ihren zu Westend gelegenen glänzenden Villen so alteriert (aus der Fassung gebracht – d. Red.) worden, daß sie seitdem bettlägrig erkrankt und von Niemanden zu sprechen sind. Am heftigsten protestierte Quistorp gegen die Versiegelung des Weinkellers, da er behauptete, dessen Inhalt sei zur Erhaltung seiner Gesundheit notwendig.“ Ein paar Jahre später ließ sich auch noch seine Frau von ihm scheiden, „da er nicht für einen standesgemäßen Unterhalt seiner Familie sorgte“.

Der Gründerkrach hinterließ tiefe Spuren im kollektiven Bewusstsein. Die Zeitgenossen packte die „Große Depression“, wie der Historiker Hans Rosenberg die Stimmung der folgenden Jahre nannte. In den stürmischen Zeiten der industriellen Revolution waren auf allen sozialen Ebenen die Ansprüche, Erwartungen und der Lebensstandard gestiegen. „Um so größer war für viele die Enttäuschung und Erbitterung, dass es nun auf lange Zeit hinaus nicht so hurtig und lustig weiterging“, schrieb Rosenberg.

Die direkten Schuldigen standen ja fest: Börsen- und Gründungsschwindler. Und obendrein die Liberalen, die Verfechter des „Manchestertums“. Der Glanz der Gründerjahre und die Dynamik der industriellen Revolution hatten den Liberalismus groß gemacht, nun verlor er seinen Rang als Leitkultur. Bei der Reichstagswahl 1871 hatte die Nationalliberale Partei 125 Sitze erreicht. Zehn Jahr später waren es nur noch 47.