KommentarDie Elenden

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Die neue Regierung zieht sich also nicht nur gegenseitig runter, sie fordert auch nichts von uns. Kein macht mit! Mischt Euch ein! So ein Macron-mäßiges „Wir bauen das Land um“! Sie fordert nichts, außer dass wir als Steuerzahler weiter genügend Geld bereitstellen sollen, das sie in inszenierten Kraftakten verteilen kann. Und da man das im Grunde schon im September unterbewusst erwartet hat, wendet man sich vorzeitig ab, bevor alles begonnen hat.

Die Unlust an Angela Merkel und der Großen Koalition ist so zu einer großen nationalen Echokammer geworden, in der wir denken, dass wir gut und gerne leben; aber im Grunde fängt das alles an, uns auf den Geist zu gehen, dieser ewige Zirkel aus Es-geht-aufwärts-aber-die-tun-nichts.

Da es einem aber nicht schlechter, oder in der Regel sogar besser geht, ändern auch wir nichts, weshalb wir das bekommen, was wir gewählt haben: nochmal Mutti plus Gestalten des Abstiegs mit geringer Restlaufzeit und fiskalischer Schleuderkraft. Und nicht mal mehr der Dank an Mutti, dass sie uns seit 2008 mehrmals gerettet hat, zieht leider noch.

Die Betriebskita der Deutschland AG

Die Deutschland AG bis 2021: Wir werden also den Gummieinkauf effizient gestalten, ansonsten soll die Einfahrt zum Parkplatz endlich neu gestaltet werden, und in der Kantine sinken die Preise, Freitags ist ganz frei, und es gibt drei statt zwei Nachtische. Die Betriebskita hat eine Stunde länger auf, das erste Kind ist umsonst. W-LAN-Empfang wird im ganzen Haus nochmal verstärkt. Ansonsten arbeitet mal schön weiter.

Das ist das, was wir bekommen haben, was wir gewählt haben, und was wir erst ändern werden, wenn die Verachtung für die Parteien auf uns selbst übergreift. Oder wenn auch diese Legislaturperiode einen Schock oder eine Krise bereithält, von der wir nichts ahnen – wo man sich dann auf Stehempfängen zuraunt, dass man ja sich doch ganz glücklich schätzen kann, Mutti an der Spitze zu haben.

Bis dahin aber werden wir sprachlose Zeugen einer spiegelbildlichen Entkopplung: In anderen Ländern erhebt sich eine immer reichere Elite über ein wachsenden Heer von Abgehängten. In Deutschland wächst das Herr des Wohlstands, während die Elite im Elend versinkt, die Deutschen werden zufriedener, die Führung verzagter.

Und wenn man dann nochmal auf das Regierungsprogramm schaut, merkt man endlich, warum einem so mulmig ist: Das ist ja gar nicht für uns. Das ist für die!