EssayDie große Freiheit

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Nichts ist einfach

Beginnend mit der Aufklärung über die Produktivitätsgewinne, die durch Zuwanderung entstehen, dürfte eine verantwortungsvolle liberale Lösung in der Mitte liegen, im so pragmatischen wie umsichtigen Versuch, der Heimat verlustig gegangenen Menschen zu helfen, ohne die Realität und die zur Verfügung stehenden Mittel aus dem Blick zu verlieren. Meistens geht da allerdings durchaus noch eine Menge – insbesondere dann, wenn die staatlichen Initiativen und Regulierungen auch den Bürgern Freiraum lassen, spontan auf die Neuankömmlinge zuzugehen, ihnen unkompliziert zu helfen und ihnen privat Wärme, vielleicht sogar eine Perspektive zu geben.

Anderes Beispiel: Terrorbekämpfung in Zeiten des Internets. Wie sieht eine konsequent liberale Politik aus, wenn man einerseits die Privatsphäre und das Privateigentum der Bürger an den eigenen Daten schützen und andererseits für physische Sicherheit sorgen will? Jeder Liberale muss sich krümmen beim Gedanken an die systematische (und leider nicht nur von der Sorge um Sicherheit getriebene) Ausspähung der Menschen durch Nachrichtendienste. Doch was wäre der Preis, wenn dies unterbunden würde? Wie viele gefährliche Terroristen blieben unentdeckt und unbehelligt und könnten ihr teuflisches Werk verrichten? Hier gilt es eine Lösung zu finden, welche die Überwachung wenigstens in einem legitimen und klar definierten legalen Rahmen hält, ihre Akteure also aus den Grauzonen holt und der Herrschaft des Rechts unterwirft. Einfach ist nichts daran.

Oder: Wie sieht eine konsequent liberale Politik aus, wenn man weder den Klimahysterikern folgen will, die den dahinschmelzenden Polarkappen alles andere unterordnen, noch der nicht minder hysterischen Gegenseite, die in Pegida-Manier von „Klimalüge“, „Klimalobby“ und „Betrug am Verbraucher“ fabuliert?

Aus liberaler Perspektive ist immer der spontanen Interaktion der Vorrang gegenüber einer Steuerung zu geben, weil darin Kreativität steckt, Neues entsteht, lokales Wissen vernetzt und erweitert wird. Also muss man das Interesse an einem stabilen Klima ernst nehmen, verlässliche Informationen über die Dringlichkeit des Handelns beschaffen und neue Methoden der Anpassung ermöglichen – statt dass die Regierung Letztere gleich auch selbst definiert und finanziert.

Sympathie fürs krumme Holz

Das ist der Kern des Liberalismus, wie er mir persönlich vorschwebt. Es ist dies kein Liberalismus, der sich in der Abwehr, im kategorischen Neinsagen schon zu erfüllen glaubt. Es ist dies keine plumpe, absichtlich provozierende Ideologie des legitimen Egoismus, der wirtschaftlichen und sozialen Eliten oder des Hasses auf alles Moderne und Fortschrittliche. Es ist dies aber auch nicht bloß eine naive freiheitliche Träumerei.

Es bleibt ein Liberalismus, als dessen Anhänger man wieder und wieder erklärt und erklären muss, wie und an welchen Stellen in unserem Alltag die Freiheit in Gefahr gerät; warum, inwiefern und unter welchen Rahmenbedingungen freiwilliges privates Handeln bessere, kreativere und tragfähigere Lösungen erbringt als zentralstaatlich geplante Strategien; weshalb wirtschaftlicher Wettbewerb solidarischer ist als Teilen; inwiefern die Demokratie einer Einhegung bedarf und selbst der Volkswille nicht alles ist. Vor allem aber ist es ein seriöser, anspruchsvoller, respektvoller, offener Liberalismus, dessen Fürsprecher das „krumme Holz“, aus dem Kant die Menschheit geschnitzt sah, nicht zurechtzubiegen suchen.

Der Liberale betrachtet es mit Milde und Wohlwollen.

Der Essay ist zuerst in Capital 10/2015 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.