EssayDie große Freiheit

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eine anspruchsvolle, ermutigende Philosophie

Wer darüber aufklären will, dass Etatismus und Kollektivismus gefährlich sind und dass der Liberalismus Besseres anzubieten hat, der sollte dies sachlich und präzise erklären, statt die weniger Empfänglichen auszugrenzen und die Bereitwilligen aufzuhetzen und zu einer Zelle zusammenzuschmieden, in der sie nur zweierlei verbindet: dumpfer Hass und blinde Anhänglichkeit an ihren Einpeitscher. Jeder Mensch verdient, dass man ihn respektvoll und nicht manipulativ anspricht; dass man sich für sein Denken interessiert, statt ihn für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren; dass man ihm keine einfachen Wahrheiten vorgaukelt und ihn an den Emotionen packt, wo komplexe Probleme eine genaue, seriöse, sachliche Analyse und eine mitunter anstrengende Balance erfordern.

Im Grundrauschen des Politikbetriebs gehen allzu feinsinnige Argumentationen leicht unter, mag man dem entgegenhalten. Richtig – im politischen Diskurs sind klare Worte notwendig, und manchmal müssen sie auch aufrütteln.

Aber man kann sehr wohl über die ökonomische Schädlichkeit von Mindestlöhnen sprechen, ohne das ganze Land gleich maßlos als „sozialistisch“ zu bezeichnen. Genauso kann man eine Politik der Inklusion, die alle Kinder, ob mit, ob ohne Behinderung, in eine Einheitsschule schickt, für unzweckmäßig halten und das auch deutlich sagen, ohne in NS-Deutsch „Gleichschaltung“ zu brüllen. Man kann Frauenquoten als Eingriff in die Vertragsfreiheit kritisieren und sich über verkrampfte Bemühungen um eine geschlechtsneutrale Sprache amüsieren, ohne sich über den „Genderismus“, „militanten Egalitarismus“ und eine „Religion der Gleichheit“ zu ereifern.

Ebenso kann man daran erinnern, dass Mütter (wie übrigens auch Väter), die sich selbst daheim um die Kinder kümmern, Wertvolles leisten, ohne erwerbstätigen und kinderlosen Damen mitzugeben, dass sie ihrer „natürlichen Bestimmung als Frau“ nicht gerecht würden. Man kann die Euro-Rettungspolitik als verfehlt bezeichnen und – was durchaus nicht trivial ist – über Alternativszenarien nachdenken, ohne die EU gleich als „EUdSSR“ zu verteufeln. Man kann, ja man muss auf die Schwierigkeiten hinweisen, einer großen Zahl von Flüchtlingen eine Heimstatt und eine Perspektive zu geben, ohne von „nicht integrierbaren Kulturen“ und steigender Ausländerkriminalität zu faseln.

Mit derlei so boshaften wie verdummenden Maßlosigkeiten und Anmaßungen darf der Liberalismus nicht assoziiert werden. Er ist eine anspruchsvolle, ermutigende Philosophie. Dass diese nicht immer einfach zu vermitteln ist, sollte seine politischen Vertreter wie auch seine akademischen Fürsprecher zu noch mehr Mühe und Realismus anspornen – und nicht zu mehr Platitüden und Gehässigkeit. Der von Liberalen viel kritisierte Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ beispielsweise ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen und spiegelt offenbar ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit im Miteinander. Da hilft es wenig, Gerechtigkeit penibel als individuelle Tugend zu fassen, Gleichheit nur vor dem Gesetz gelten zu lassen und alles andere als linken Schwachsinn zu verteufeln – und so die Debatte zu beenden.

Liberalismus nicht für platte Parolen missbrauchen

Man muss auch nicht gleich die Drohung wittern, dass den Reichen, Schönen, Intelligenten und Gesunden ihr Glück genommen werden soll, sobald es darum geht, den Armen, Hässlichen, Dummen und Kranken ein wenig aufzuhelfen. Die Frage ist nur, wie dieses Aufhelfen vonstattengehen kann.

Die Liberalen haben hier eine Menge Empfehlungen anzubieten und sollten sich von Leuten, die schon beim Wort „Gerechtigkeit“ Pickel bekommen, nicht den Mund verbieten lassen. Im Gegenteil: Gerade liberale Wissenschaftler sollten es ihren Kollegen aus den Vereinigten Staaten wie Pete Boettke, Tyler Cowen und anderen nachtun. Diesen bricht kein Zacken aus der akademischen Krone, derlei angeblich „linke Anliegen“ ernst zu nehmen, systematisch über sie nachzudenken und immer wieder anschaulich zu erklären, wie eine Politik sich nicht in Aktionismus ergeht, sondern neue Freiräume für privates Handeln schafft.

Vor allem aber gilt es, sich dagegen zu verwahren, dass aus dem Liberalismus missbräuchlich platte Parolen abgeleitet werden, in denen er mit Frauenfeindlichkeit und Homophobie, mit Rassismus und Antisemitismus oder mit anderen Scheußlichkeiten in Verbindung gerät. Allerdings sollte man sich nicht zu lange mit dem rechten Rand befassen. Abgrenzen ja, in aller Deutlichkeit und ohne Zögern – und dann muss die positive Arbeit kommen. Eine Arbeit, bei der man natürlich auch immer wieder Nein sagen und das sich allzu leicht verselbstständigende Staatshandeln einzuhegen versuchen muss, bei der man vor allem aber bereit sein muss, jene Themen, die den Menschen wichtig sind, in einem positiven Sinne aufzugreifen und kreativ nach liberalen Lösungen zu suchen.

Oftmals wird man damit an „Schmerzpunkte“ des Liberalismus geraten, an Stellen, an denen selbst liberale Prinzipien in Kollision geraten und man mit platter Dogmatik zwar schnell zu einem Ergebnis, aber nicht zu einer Lösung kommt. Beispiel: Zuwanderung in Zeiten von Krieg und Armut, wie wir sie derzeit erleben. Es lässt sich ebenso gut begründen, dass die Bewohner eines Aufnahmelandes Eigentumsrechte haben, aufgrund derer sie gemeinsam entscheiden können, wem sie den Zutritt gewähren, wie dass es gegen den Geist des Liberalismus verstößt, Menschen daran zu hindern, sich zu retten oder auch nur ihr wirtschaftliches Los zu verbessern. Was also konkret tun? Grenzen komplett auf oder hermetisch zu, sofern die Bevölkerung sich das wünscht und man die Gesetze entsprechend ändern kann?