VerschuldungDas könnte die größte Blase der Welt sein

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Eine gewaltige Verschiebung

Rund 140 Millionen Menschen nutzen Netflix und zahlen dafür im Schnitt monatlich rund 8 Dollar. Doch das reicht bisher nicht, um die Kosten zu decken. Hatte der Konzern Ende 2013 noch 500 Mio. Dollar Verbindlichkeiten, ist dieser Wert bis 2018 auf 8,3 Mrd. Dollar angeschwollen. Bei Rücklagen von 2,8 Mrd. Dollar. Ratingagenturen stufen die Kreditwürdigkeit des Unternehmens auf Ramschniveau ein. Und selbst für dieses Segment haben die Schulden ein hohes Niveau erreicht. Netflix ist mit dem 6,5-Fachen des operativen Gewinns verschuldet, schätzt die Ratingagentur Moody’s. Im Schnitt des amerikanischen Ramsches ist laut Moody’s aber das Fünffache normal.

Noch verstörender wird das Bild, wenn man den freien Cashflow betrachtet. Die Kennzahl gibt an, wie viel Geld einem Unternehmen bleibt, wenn man von den Einnahmen nicht nur die gewöhnlichen Ausgaben, sondern auch die Investitionen abzieht. Das übrige Geld kann ein Konzern nutzen, um Dividenden zu zahlen oder Schulden abzustottern. Bei Netflix betrug der freie Cashflow Ende 2017 minus 2 Mrd. Dollar, 2018 werden es laut Unternehmensangaben minus 3 bis 4 Mrd. Dollar sein. 2013 waren es noch minus 22 Mio. Dollar. Netflix verbrennt also nicht nur Geld, es verbrennt immer mehr Geld.

Dass Netflix-Aktien inzwischen bei knapp 300 Dollar notieren, der Konzern damit 147 Mrd. Dollar wert ist und Anleiheinvestoren derzeit 5,85 Prozent Zinsen für neue Kredite verlangen, zeigt, wie Wirtschaft inzwischen funktioniert: Wachstum ist alles, was zählt, und irgendwer findet sich immer, um die Expansion zu finanzieren – Geld gibt es genug.

Die Entwicklung ist typisch für viele US-Unternehmen. Inzwischen haben sie Schulden in Höhe von 9,1 Billionen Dollar angehäuft, annähernd das Dreifache des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP). 2007 waren es noch 4,9 Billionen Dollar.

Die beiden Zahlen beschreiben eine gewaltige Verschiebung: 2007 waren es Banken und Hauskäufer in den USA, die mit einer wahren Schuldenorgie eine globale Finanzkrise auslösten; 2010 brachten vor allem Banker und Politiker Griechenland, Spanien, Portugal und Irland an den Rand der Pleite. Heute sind es US-Konzerne, die Investoren und Zentralbanker in Angst versetzen.

Angestachelt von den Notenbanken, haben sie sich mit Schulden vollgesogen. Denn um nach dem Crash 2008 eine lange Rezession zu verhindern, senkten die Zentralbanker die Zinsen und kauften Staats- und Unternehmensanleihen in unvorstellbarem Ausmaß: Allein Fed und Europäische Zentralbank (EZB) erwarben Anleihen im Wert von 7 Billionen Dollar. Dies drückte für alle Schuldner die Zinsen in den Keller. So geschah das glatte Gegenteil von dem, was sich Staatschefs und Zentralbanker direkt nach dem 2008 geschworen hatten: Nie wieder so viele Schulden. „Die Notenbanken haben die Nebenwirkungen ihrer eigenen Politik bekämpft, indem sie ähnliche Mittel wie früher nutzten“, sagt Stefan Kooths, Konjunkturchef am Kieler Institut für Weltwirtschaft. „Sie warfen einen Bumerang.“

So wuchs die Zahl sogenannter Zombiefirmen, also Unternehmen, die längst insolvent sein müssten, aber dank niedriger Zinsen überleben. Definiert sind sie als Unternehmen, bei denen der operative Gewinn über die letzten drei Jahre nicht ausreicht, um die Zinslasten zu decken. Seit 2008 ist der Anteil dieser Zombies von acht auf zwölf Prozent gestiegen, zeigt eine Analyse der BIZ.