Interview„Die geringe Arbeitslosigkeit ist eine Scheinblüte“

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Wo wurden Sie denn seit Veröffentlichung Ihrer Buchs 2015 von den Entwicklungen überrascht, wo verliefen Sie langsamer, als Sie erwartet haben?

Ich hätte erwartet, dass das Konzept selbstfahrender Autos rascher Fortschritte macht. Es ist auch ein Bereich, der einen großen Einfluss auf die Wirtschaft haben dürfte – etwa in der Frage, wie effizient unsere Verkehrssysteme künftig sein werden. Aber das tatsächlich ganz autonom fahrende Auto dürfte noch 10 bis 15 Jahre entfernt sein. Deutlich schneller verlief der Fortschritt in der künstlichen Intelligenz und dem „Machine Learning“. Ich glaube inzwischen, er ist weitreichender als die Automation: Muskelkraft wird schon lange durch Maschinen ersetzt. Nun geht es aber auch an die Leistung der Köpfe der Menschen. Sehr rasch verläuft aber auch die Entwicklung in der Spracherkennung und dem Vorlesen von Texten. Es dauert nicht mehr lange, und es wird gar nicht mehr zu hören sein, ob sie mit einem Callcenter oder einem Sprachcomputer sprechen oder ob Ihnen ein Sprecher oder ein Computer einen Text vorliest.

Was hat Sie zuletzt am stärksten beeindruckt?

Praktisch zum Beispiel Foto-Apps, die in der Lage sind, anhand der Gesichts- und Objekterkennung große Mengen an Fotos binnen Sekunden automatisch zu sortieren. Ein schönes Beispiel dafür, wie gut programmierte Anwendungen große, unsystematische Datenmengen rasch ordnen können und sich dabei selbst laufend verbessern über Benutzereingaben.

Sie beraten nun den französischen ETF-Anbieter Lyxor in der Zusammensetzung eines ETFs, der auf Unternehmen der Automatisierung und künstlichen Intelligenz setzt. Kommen Sie da nicht ein bisschen spät zur Party, nachdem es bereits rund 20 Fonds zum Thema mit rund 20 Mrd. Euro Vermögen gibt? 

Nein, es wäre fahrlässig, das als Trendthema abzutun. Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Robotics sind Alltagsthemen. Die größten Technologiefirmen wie Google, Facebook und Amazon haben künstliche Intelligenz als absolut kritisch für ihre Geschäftsmodelle definiert. Vor allem Fortschritte in der Cloud-Technologie und der Verfall der Preise für Datenspeicher machen es leichter, Daten auszuwerten und zu nutzen. Unser Ansatz ist zudem, ein möglichst breites Spektrum abzudecken, daher umfasst unser Universum an möglichen Titeln für den ETF 210 Unternehmen.

Spielen kleinere Firmen in Sachen Forschung und Entwicklung überhaupt eine nennenswerte Rolle – und reicht es nicht, wenn Anleger schlicht eine Hand voll großer Tech-Werte direkt oder indirekt halten?

Das wäre zu einfach gedacht. Ich habe gerade eine Interview-Serie mit den Architekten der künstlichen Intelligenz weltweit abgeschlossen, die demnächst als Buch erscheint. Gemein ist vielen Experten bis hinauf zum Vorstandschef eine regelrecht paranoide Angst, eine Entwicklung zu verpassen, die ein kleinerer Wettbewerber entwickelt und ausbaut. Das sorgt auch für eine rege Übernahmetätigkeit: Aussichtsreiche Firmen werden rasch gekauft. Insofern, ja, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass aussichtsreiche Firmen letztlich bei den großen Tech-Konzernen landen. Aber das ist auch ein Grund, sich möglichst breit aufzustellen, um auch das Wachstum kleinerer Innovatoren abzugreifen als Investor. Im ETF beträgt die typische Gewichtung daher auch maximal ein Prozent je Wert.

Wie geht denn jemand, der seit Jahren den Aufstieg der Technologiekonzerne beschreibt, selbst mit seinen Daten um – sind Sie eher jemand, der Dinge ausprobiert oder vorsichtig?

Ich habe ein Konto bei Google Mail und nutze beispielsweise den Kurznachrichtendienst Twitter, um interessante Beiträge zu teilen. Das war es aber schon – beispielsweise bin ich nicht bei Facebook angemeldet. Die Art und Weise, wie dort die Welt um einen herum gefiltert und gedreht wird, ist eher gruselig. Den Vormarsch von Sprachtechnologien kann ich aber innerfamiliär beobachten: Meine Tochter ist elf und nutzt begeistert den Sprachdienst Alexa von Amazon.

Und, lassen Sie sie? 

Ja. Allerdings lege ich Wert darauf, dass sie höflich mit dem Sprachdienst redet. Das mag jetzt merkwürdig klingen, aber sie sollte sich nicht einen schnarrenden Befehlston angewöhnen, den viele intuitiv bekommen, wenn sie mit anonymen Sprachdiensten reden.