LebensversicherungDie Gebührenfalle der Versicherer

Wenn die Vorstände der deutschen Lebensversicherer das meistgehasste Wort des Jahres 2015 wählen dürften, hätte „Abschlusskosten“ die besten Aussichten. Was die Unternehmen an Provisionen zahlen, um neue Kunden zu gewinnen, ist zum Politikum geworden, und jeder redet bei dem Thema lautstark mit: Verbraucherschützer, Minister, Kunden und Vertriebspartner.

Der Druck auf die Manager ist gewaltig gestiegen. Viele ringen seit Wochen mit ihren Vertrieben, die weniger Geld nicht akzeptieren wollen. Doch die Regierung hat zum Jahreswechsel niedrigere Abschlussgebühren und mehr Preistransparenz angeordnet. Per Gesetz. Die Kunden sollen vergleichen können, bevor sie sich entscheiden.

Die Offenlegung ihrer Kosten kommt für die Branche zu einem höchst ungelegenen Zeitpunkt. Die Renditen von Rentenversicherungen sinken, gerade ging es wieder um ein paar Zehntelpunkte herunter. Die Kölner Ratingagentur Assekurata vermeldete für 2015 „historische Tiefstände“ bei den Überschüssen.

Lobbyisten wie Klaus Müller, Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, nutzen die desolate Lage, um für die Kunden bessere Konditionen zu fordern: Wenn die Rendite sinke, sagt er, müssten auch die Kosten runter. 7 bis 8 Mrd. Euro verbucht die Branche Jahr für Jahr an Abschlusskosten – rund fünf Prozent des Neugeschäfts. Seit nahezu einer Dekade ist dieser Anteil konstant geblieben, weil die Gesellschaften unverdrossen an ihren großen Vertriebsapparaten festhielten.

Rechenmethoden unterscheiden sich erheblich

Ihren Willen, mehr Durchblick bei den Gebühren zu gewähren, beschwören Branchenvertreter immer wieder. Sämtliche Initiativen sind jedoch bislang versandet. Selbst bei der Riester-Rente – einem staatlich geförderten Produkt, bei dem besondere Transparenz-Vorschriften gelten – schafften es die Versicherer, mit einem Zahlen-Wirrwarr die Vergleichbarkeit zu torpedieren. So erkor Axel Kleinlein, der streitbare Chef vom Bund der Versicherten, die neuen Reformziele in der Kostenfrage denn auch zum „Gewissenstest“.

Effektivkosten Versicherungen

Die erste Bilanz ist ernüchternd, wie eine Auswertung des Analysehauses Morgen & Morgen (M&M) zeigt. Zwar werden die Gesamtkosten von Rentenpolicen nach der neuen Maßzahl – den „Effektivkosten“ – ausgewiesen. Doch die Rechenmethoden unterscheiden sich erheblich. „Für Kunden sind Angebote mit der neuen Kostengröße nicht vergleichbar“, konstatiert M&M-Chef Joachim Geiberger. Auch sonst erleichtern die Versicherer ihren Kunden die Orientierung nicht. Die Effektivkosten sind in den Kundenunterlagen, oft Kataloge von bis zu 70 Seiten, nur mit Mühe auszumachen. Mal steckt die Information im Produktblatt, mal im Angebot – und mal auf einem eigenen Zettel. Formalien: erfüllt, Kundennutzen: Fehlanzeige.

Das ausdrückliche Ziel des Gesetzgebers, die Anfangskosten zu senken, erfüllen viele Versicherer bislang ebenfalls bloß der Form nach: Sie verlagern die Ausgaben einfach nach hinten. Viele Gesellschaften entlasten zwar die Verträge anfangs, erhöhen dafür aber die späteren laufenden Kosten. So halten es laut Morgen & Morgen etwa Allianz, Alte Leipziger und Neue Leben. Für Kunden kann diese Umschichtung bei den Kosten als Nullsummenspiel enden.

Der Capital-Expertencheck fördert zutage, welche Abzüge bei klassischen Renten anfallen. Um die Zahlen vergleichbar zu machen, hat Morgen & Morgen für einen Mustervertrag auf einheitlicher Basis nachgerechnet. Ergebnis: Ein Viertel der möglichen Rendite vor Kosten geht oft für Gebühren drauf. Die Spanne im Markt ist enorm: Während günstige Anbieter wie Cosmos und Europa den Ertrag nicht einmal um 0,4 Prozentpunkte schmälern, ziehen teure wie HDI und Helvetia das Dreifache ab. Auch Marktführer Allianz gehört zu den teuersten (siehe Tabelle unten).