Mobilität Die E-Tretroller-Welle rollt an

Seite: 3 von 3

Offenbar kümmert das viele Anbieter wenig. Das Start-up Skip behauptet etwa, Wettbewerber würden „kaputte Roller einlagern und planen, diese auf Deponien zu entsorgen“. Das mag teils an überbordendem Vandalismus liegen, eher aber daran, dass die Rollermodelle schlicht nicht robust genug sind, einen monatelangen Dauerbetrieb zu überleben. In einem Antrag für eine Lizenz in Portland nannte der Anbieter Lime einmal die Zahl von vier Monaten als Lebensdauer seiner Roller. Gunnar Froh bezweifelt das – nach seinen Erfahrungen liegt diese eher bei drei Monaten. Andere Insider gehen sogar von nur acht Wochen aus.

Nachhaltigkeitsexperten wie Axel Franck von Accenture finden das erschreckend. „Aus Elektroschrottperspektive ist das ein Riesenproblem“, sagt er. Denn selbst in Deutschland fehlt für die verbauten Lithium-Ionen-Akkus eine verbind­liche Rücknahmeregelung.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel lobt die E-Tretroller dennoch: „Wir stehen dem Thema positiv gegenüber. Wer nicht zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren will, für den bieten Elektro­kleinstfahrzeuge eine dritte Alternative zum Auto.“ Wie bei allen Sharing-Angeboten ist die zentrale Frage, was substituiert wird: Bleibt das Auto stehen, verbessert das die Ökobilanz erheblich. Werden Fahrräder, Bus und U-Bahn ersetzt, dürfte sie sich hingegen verschlechtern.

Selbst bauen will keiner

Der Schlüssel ist eine möglichst lange Lebensdauer. Bei Tier, sagt Julian Blessin, sei die Zielmarke mindestens ein Jahr. „Jeder im Markt ist dran, die Haltbarkeit der Fahrzeuge zu verlängern“, verspricht der Gründer. Gelenke werden versteift, Einzelteile besser verschweißt. Fast alle Verleiher beziehen ihre Modelle vom chinesischen Hersteller Segway-Ninebot, der inzwischen einen speziell fürs Sharing gedachten Roller im Sortiment hat.

Ob damit die Lebensdauer signifikant steigt, bleibt abzuwarten. Eine eigene Produktion erwägt kaum ein Anbieter – zu teuer, zu umständlich. Jetzt geht es erst einmal um die Eroberung von Märkten, darum, die anderen hinter sich zu lassen. Und einfach ist das nicht. Über die Hardware, die Roller, können sich die Start-ups kaum differenzieren. „Wir haben keine siebenjährigen Entwicklungszyklen wie beim Auto, da sind drei Monate Vorsprung schnell aufgebraucht“, gibt Blessin zu. Schnell sind die Start-ups fast alle, gut finanziert ebenfalls. Die Algorithmen, die die Verteilung der Roller steuern, gelten auch schon fast als Commodity. Was also wird den Unterschied machen?

„Die Ansprache“, glaubt Blessin. „Wie wir auftreten, wie wir uns selbst verstehen.“ Tier wolle nicht die gleichen Fehler machen wie Uber – dort scherte man sich nicht groß um Regeln und Gesetze und verlor Deutschland so auf Jahre als Markt. Eine Rollerschwemme in den Innenstädten werde es mit Tier ebenfalls nicht geben, das habe man aus dem Bike-Sharing-Fiasko gelernt, das Verleiher 2017 in München anrichteten. „Wir expandieren aggressiv“, sagt Blessin, „aber wir verhalten uns nicht aggressiv.“ Ob Nettigkeit in der globalen Schlacht der Tretroller belohnt wird? Schön wäre es ja.