Mobilität Die E-Tretroller-Welle rollt an

Seite: 2 von 3

Am 13. Oktober, exakt 81 Tage nach der Firmengründung, startet Tier in Wien mit 200 Tretrollern, die per App gesucht und gebucht werden können, für 1 Euro pro Fahrt plus 15 Cent je gefahrener Minute. Wenige Tage später stecken Investoren noch einmal 25 Mio. Euro in das Unternehmen. Inzwischen hat Tier 80 Mitarbeiter und verleiht seine Roller in 14 europäischen Städten, die nächsten sind schon in Planung.

„Wir sind jetzt bereit, ungefähr eine Stadt pro Woche zu machen“, sagt Julian Blessin. Anders als sein Mitgründer Leuschner hat Blessin Erfahrung im Shared-Mobility-Markt, er hat für BCG und Bosch den Anbieter Coup aufgebaut, der seit 2016 Elektromotorroller verleiht. Das Geschäft mit den Tretrollern sei noch einmal deutlich attraktiver, erklärt Blessin: „Die Investitionskosten sind viel geringer, aber die Zahlungsbereitschaft unterscheidet sich gar nicht so stark.“

Die Leute lieben die Tretroller. Die Dinger lassen sich einfach steuern, sind aufregend, neu, schnell, unkompliziert. „Wir sind begeistert von den hohen Annahme- und Kundenbindungsraten“, sagt Blessin. Details verraten die Tier-Gründer nicht. Aber aus den USA ist etwa eine Zahl des Anbieters Spin bekannt, der von Fahrrad- auf Tretrollerverleih­ umsattelte – was die Nutzungs­rate um den ­Faktor 20 erhöhte. Insider sagen, dass ein Roller im Schnitt sechs- oder siebenmal pro Tag genutzt wird. Daraus resultiert ein Tagesumsatz von 20 bis 25 Dollar – und das bei geschätzten Produktionskosten von nur 400 Dollar pro Fahrzeug. Nach zwei bis drei Monaten ist so ein Roller nach Aufwendungen für Kauf, Betrieb und Abnutzung profitabel.

Kontrolle des Mobilmarkts

Dabei sind die vielversprechenden Margen nur ein Grund dafür, dass die Tretroller unter Start-ups und Investoren gerade so en vogue sind. Entscheidender sei, dass sich die Nutzer derart häufig auf die Roller stellen, sagt der Mobilitätsexperte Gunnar Froh, dessen Hamburger Firma Wunder Mobility die Software für einige der wichtigsten Verleiher liefert. Er ist überzeugt, dass die Roller in Zukunft häufiger als Taxis, Leihräder oder irgendein anderes Verkehrsmittel genutzt werden – und damit hätten die Verleiher „das Potenzial, andere Transport-Apps vom Homescreen zu verdrängen“. Ihre Portale wären dann für die meisten Nutzer die erste Anlaufstelle, womit die Rollerunternehmen den Zugriff auf andere Mobilitätsdienste kontrollieren würden. Ihren Nutzern könnten sie etwa auch Mietautos (oder Flugtaxis) vermitteln – und von den Anbietern Gebühren dafür kassieren.

Oder, ebenfalls ein lukratives Szenario: Die Start-ups positionieren sich als Übernahmeziel für große Branchenplayer. Dass das funktionieren kann, zeigt die Akquisition des Tretrollerverleihers Spin durch Ford für 100 Mio. Dollar. Auch andere Mobilitätsriesen drängen in den Bereich: Daimler will über die Tochter Mytaxi ein eigenes Angebot starten, Uber hat in Lime investiert und soll eine Übernahme diskutieren.

Die Goldgräberstimmung ließ sich kürzlich auf der Münchner Digital-Life-Design-Konferenz spüren, auf der sich zwei Tretroller-Entrepreneure und ein Investor eine Bühne teilten. Der Investor, Alexander Frolov von Target Global, jubelte: „Das Wachstum von Umsatz und Nutzerakzeptanz ist absolut beispiellos.“ Neben Frolov saß Lukasz Gadowski, legendärer Berliner Start-up-Unternehmer, der sich jahrelang nur als Geldgeber betätigte – und nun mit dem Rollerverleiher Flash selbst wieder gegründet hat. 55 Mio. Euro hat er von Inves­toren bekommen, ohne überhaupt offiziell am Markt zu sein. „Es ist superaufregend“, sagte Gadowski. Die Pioniere um Bird hätten eine „ganz neue Kategorie erfunden“. Allerdings – und hier sagte er einen wichtigen Satz – sei es ein „sehr gut gehütetes Geheimnis der frühen Player, was die Halbwertzeit der Fahrzeuge ist“.

Die Frage, wie lange ein E-Tretroller im Sharing-Einsatz hält, ist entscheidend, weil davon nicht nur abhängt, ob sich das Modell rechnet, sondern auch wie gut seine Ökobilanz wirklich ist. Als die Roller Ende März 2018 in San Francisco auftauchten, dauerte es nur Tage, bis sie reihenweise von Brücken geworfen oder in ihre Einzelteile zerlegt wurden – der ganze Frust über die Exzesse des Techbooms im Valley schien an ihnen ausgelassen zu werden. Bird, Lime und Spin hatten in San Francisco weder Anwohner noch die Verwaltung vorgewarnt, sondern einfach die Bürgersteige vollgestellt. Im Juni verbot die Stadt zunächst alle Tretroller, später vergab sie Lizenzen an zwei Anbieter und deckelte die Zahl der Gefährte. Scoot etwa durfte 625 auf den Straßen verteilen. Die Bilanz: „In unseren ersten zwei Wochen wurden mehr als 200 Roller gestohlen oder so beschädigt, dass sie nicht mehr repariert werden konnten“, berichtete der CEO.