ReportageDie deutsche Cloud

Seite: 2 von 5
Geplantes Telekom Rechenzentrum in Biere
Geplantes Telekom Rechenzentrum in Biere: In den acht Hallen des ersten Bauabschnitts arbeiten vom kommenden Jahr an jeweils 2 500 Server
© Christian Schulze

Für die Deutsche Telekom hätte es kaum einen besseren Zeitpunkt für die Enthüllung des Überwachungsskandals geben können. In der Nähe des 2000-Einwohner-Örtchens Biere, mitten in der Magdeburger Börde, setzt das Tochterunternehmen T-Systems gerade zwei gewaltige Betonbunker zwischen die golden leuchtenden Kornfelder, jeweils 35 Meter breit, 60 Meter lang und drei Stockwerke hoch – das größte Rechenzentrum des Landes. Im kommenden Jahr soll es eingeweiht werden. 20000 Server in Regaltürmen machen den Anfang, zu den ersten beiden Bunkern sollen 15 weitere hinzukommen, in denen Musikdateien, Urlaubsfotos und geheime Konstruktionsdaten gespeichert werden können.

Das beste Verkaufsargument des Bonner Unternehmens: Die Server stehen in Deutschland und unterliegen den hiesigen Datenschutzgesetzen. Reinhard Clemens, Telekom-Vorstand und T-Systems-Chef, setzt auf den Heimvorteil: „Wir sind das europäische Gegengewicht im ansonsten amerikanisch dominierten Markt.“

Die Arbeiten an der Baustelle gehen in die letzte Phase. Bis zum Jahresende soll das Datenzentrum fertig sein
Die Arbeiten an der Baustelle in Biere gehen in die letzte Phase. Bis zum Jahresende soll das Datenzentrum fertig sein
© Christian Schulze

Die PR-Abteilungen arbeiten auf Hochtouren. Mit den E-Mail-Providern Web.de und GMX hat sich der Bonner Konzern Anfang August darauf geeinigt, die Nachrichten der Nutzer über verschlüsselte Verbindungen auszutauschen – und ausschließlich in deutschen Rechenzentren zu speichern. Der griffige Slogan: „E-Mail Made in Germany“.

Auch kleinere Spezialfirmen wittern ihre Chance. Beim Münchner IT-Dienstleister Cancom freut man sich unverhohlen darüber, dass der NSA-Skandal dem Unternehmen „in die Hände“ spiele. Der Konkurrent Datev wirbt auf seiner Website damit, dass seine Server „ausschließlich in Nürnberg“ stünden und dort gespeicherte Daten den „deutschen Rechtsraum“ nie verließen.

Bis in den Bundestagswahlkampf ist die „deutsche Wolke“ vorgedrungen. Amerika-Skepsis kommt bei einem Teil der deutschen Bevölkerung immer gut an – und wenn sie dann noch mit rosigen Geschäftsprognosen kombiniert wird, lassen sich umso leichter Wähler ködern. SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte das Datenthema in einem Interview mit der ARD prompt zu einem Thema von hoher wirtschaftlicher Relevanz. Unternehmen, die ihre Daten hier verarbeiten lassen, böten eine höhere Sicherheit, sagte der Sozialdemokrat: „Ich glaube, dass Deutschland daraus einen Standortvorteil machen kann.“

Warnung aus den USA

Die Wolkenformation verändert sich. Eine Ende Juli veröffentlichte Studie des US-Verbands Cloud Security Alliance spiegelt das zunehmende Misstrauen gegenüber amerikanischen Datendienstleistern: Zehn Prozent der potenziellen ausländischen Kunden von US-Anbietern hätten ihre Aufträge verworfen. 56 Prozent hielten es für „weniger wahrscheinlich“, dass sie in Zukunft Cloud-Anbieter mit Sitz in den USA nutzen werden.

Das Aus zweier amerikanischer E-Mail-Verschlüsselungsdienste, die Anfang August auf den Druck der US-Behörden reagierten, scheint den Optimismus der deutschen Rivalen zu bestätigen. In einer Erklärung zur Einstellung des Mail-Anbieters Lavabit warnte Firmenchef Ladar Levinson: „Solange es keine klaren Aktionen des Kongresses oder der Justiz gibt, kann ich nur jedem dringend davon abraten, private Daten einem Unternehmen anzuvertrauen, das direkte physische Verbindungen zu den Vereinigten Staaten hat.“

Um all jene, die den USA misstrauen, will Sandro Gaycken kämpfen. Der frühere Hacker forscht heute an der Freien Universität Berlin und berät die Bundesregierung. An einem heißen Sommertag kann man ihn in einem Szenecafé der Hauptstadt treffen, er kommt im lässigen Hemd, an dem eine Sonnenbrille baumelt. „Die Welt wartet auf deutsche Sicherheits-IT“, schwärmt Gaycken. „Wir haben das technologische Know-how und die Glaubwürdigkeit, weil unsere Dienste keine Wirtschaftsspionage betreiben.“ Firmen, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben, hätten beste Geschäftschancen.

Schon heute gibt es Profiteure: Cancom, ein im TecDAX notiertes Unternehmen mit 2000 Mitarbeitern, steigerte seinen Umsatz im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um über zehn Prozent. Der Frankfurter Dienstleister Data Room Services berichtet, die Nachfrage habe sich innerhalb der letzten zwölf Monate verdoppelt. Die Experten kommen immer dann zum Einsatz, wenn Unternehmen sichergehen wollen, dass etwa bei Vertragsverhandlungen Daten nur für einen bestimmten Personenkreis zugänglich sind. „Wir haben Banken als Kunden, die sehr detailliert nachfragen: Wem gehört Ihr Unternehmen? Wer sind die Anteilseigner? Und wo sitzen Sie?“, erzählt Firmenchef Jan Hoffmeister. Der Grund für die Fragen: „Die wollen vermeiden, dass amerikanische Unternehmen oder Personen dahinterstecken.“