GeldwäscheDie Deutsche Bank und der Danske-Skandal

Geschäftsleute aus Russland brachten mithilfe der Danske Bank in Estland über Jahre hohe Milliardenbeträge in den Westen
Geschäftsleute aus Russland brachten mithilfe der Danske Bank in Estland über Jahre hohe Milliardenbeträge in den Westen Stuart Patience

Das Vertrauen in die Kollegen verliert Howard Wilkinson an Weihnachten. Wilkinson, ein Mittvierziger mit grauem Haarkranz und Nickelbrille, arbeitet 2013 als Chef des Handelsgeschäfts bei der estnischen Tochter der Danske Bank, Dänemarks größtem Finanzinstitut. Er verdient ein ordentliches Gehalt, mit seiner Frau und seinen Töchtern lebt der Brite etwas außerhalb von Tallinn.

Die Geschenke sind längst ausgepackt, als ihn an Weihnachten 2013 der Gedanke an einen Vorgang aus der Bank wieder einholt. Eineinhalb Jahre zuvor war Wilkinson auf verdächtige Geldflüsse bei einem Kunden aufmerksam geworden: einer englischen Briefkastenfirma, die laut Jahresabschluss im britischen Handelsregister keinerlei Vermögen besaß – obwohl über ihr Konto binnen fünf Monaten fast 500 Mio. Dollar flossen. Damals hatten seine Kollegen in Tallinn die Auffälligkeiten heruntergespielt: Der falsche Jahresabschluss sei nur ein simpler Bürofehler der Firma, kein Grund zur Sorge. Doch seit dem Herbst ist Wilkinson über neue Hinweise gestolpert, dass seine Bank in Geldwäsche verwickelt sein könnte.

Spur zu Putin

An dem Tag, den die Engländer „Boxing Day“ nennen, will Wilkinson nachschauen, was aus dem verdächtigen Kunden geworden ist – so erzählt er es später dem „Wall Street Journal“. Für 1 Pfund lädt er sich erneut den Jahresabschluss der Lantana Trade LLP herunter und gleicht ihn mit den Daten ab, die bei seiner Bank vorliegen. Nach Hinweisen von Wilkinsons Kollegen hat Lantana den Jahresabschluss überarbeitet, nun ist ein Guthaben von 15.689 Pfund angegeben. Bloß belegen die Kontodaten, dass bei Lantana täglich mehrere Millionen Dollar bewegt wurden. Ein typisches Geldwäschemuster. Wilkinson ist alarmiert: Die Firma täuscht die Behörden offenbar systematisch über ihre wahren Vermögensverhältnisse. Und seine Kollegen haben nichts gegen den dubiosen Kunden unternommen.

Am 27. Dezember, vor Sonnenaufgang, tippt er eine E-Mail an einen Vorstand und drei weitere Manager in der Zentrale in Kopenhagen. Betreff: „Whistleblower-Mitteilung – wissentliche Geschäfte mit Kriminellen in der estnischen Niederlassung“. In der Mail listet Wilkinson seine Erkenntnisse auf: die gefälschten Abschlüsse, die auffälligen Transaktionen, die Verschleierung, wem die Firma letztlich gehört. Nur über Kollegen konnte Wilkinson erfahren, dass die Firma enge Verbindungen zu einem Cousin des russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem Inlandsgeheimdienst FSB haben soll.

Als er auf Senden drückt, kann er nicht ahnen, was er damit beginnt: die Aufdeckung des größten Geldwäscheskandals, den es bislang in Europa gab. Jahrelang diente die kleine Danske-Bank-Tochter in Estland als Drehscheibe für Geld aus trüben und kriminellen Quellen in Russland und Zentralasien. Mindestens 6000 dubiose Kunden; 230 Mrd. Dollar, die zwischen 2007 und 2015 in den Westen flossen und dort zum Kauf von Immobilien oder Luxusgütern dienten – der allergrößte Teil illegale Zahlungen, wie die Bank heute annimmt.

Nicht nur der riesigen Summen wegen sorgt der Skandal international für Erschütterungen. In Estland, Dänemark und Großbritannien laufen Ermittlungen. Auch das US-Justizministerium hat sich eingeschaltet. Im Herbst musste der lange gefeierte Danske-Chef zurücktreten, im Dezember nahm die estnische Polizei zehn von Wilkinsons früheren Kollegen fest, weil sie Kunden bei der Geldwäsche geholfen haben sollen. In den Strudel der Affäre geraten sind aber auch weitere Institute, die für die Danske Zahlungen im Dollarraum abwickelten. Allen voran: die Deutsche Bank, die erst als letzte von mehreren Partnerbanken ihre Geschäfte mit den Dänen kappte.

Auch wenn die Aufklärung nun läuft, bleiben viele Fragen: Wie konnte das System bei einer Bank aus einem EU-Musterstaat wie Dänemark so lange funktionieren? Wer genau waren die kriminellen Kunden? Und welche Rolle haben die Aufsichtsbehörden in Estland und Dänemark gespielt? „Wenn es keinen Whistleblower gegeben hätte, wäre das mit Sicherheit noch lange weitergelaufen“, sagt der Geldwäscheexperte einer Wirtschaftsprüfungsfirma, die mit dem Skandal beschäftigt ist.

Warnung über Warnung

Der Banker Howard Wilkinson bringt 2013 mit einer Mail die Danske-Affäre ins Rollen
Der Banker Howard Wilkinson bringt 2013 mit einer Mail die Danske-Affäre ins Rollen (Illustration: S. Patience)

Seine Entdeckungen an Weihnachten 2013 lassen Howard Wilkinson keine Ruhe. In den folgenden Tagen nimmt er sich drei weitere Kunden vor, die unter der gleichen Adresse wie die Briefkastenfirma Lantana registriert sind. Bei allen drei Firmen handelt es sich um Limited Liability Partnerships (LLPs), eine Rechtsform in Großbritannien, die etwa Geldwäscher gern nutzen, weil sich damit die wahren Eigentümer verschleiern lassen. Alle drei sind für die Danske extrem profitable Kunden.

Wilkinson besorgt sich die offiziellen Jahresabschlüsse der Firmen und gleicht sie mit den internen Bankdaten ab: Alle Abschlüsse sind gefälscht. Am 9. Januar 2014 schickt er darum eine zweite Mail an die Zentrale. Mitte März folgt eine dritte mit Informationen zu zwölf weiteren verdächtigen Kunden. Doch trotz seiner Hinweise auf ein gravierendes Problem ergeht es Wilkinson wie vielen Whistleblowern: Die Bank versucht, den Fall leise abzuräumen – obwohl der Zentrale bereits Anfang 2014 klar ist, dass in Estland alle „Verteidigungslinien“ gegen Geldwäsche versagt haben, wie ein Untersuchungsbericht später feststellt.

Deals mit Waffenschiebern

Schon seit den 90er-Jahren haben die kleinen baltischen Länder Geld aus Russland und anderen Ex-Sowjetstaaten angezogen. Als Brücke in den Westen dienten vor allem Lettland und Estland – erst recht nach dem Beitritt zur EU und der Eurozone. In Estland machten die Einlagen ausländischer Kunden zeitweise 20 Prozent aller Bankguthaben von Privatleuten und Firmen aus. In Lettland waren es mehr als 50 Prozent.

Dabei brachte nicht nur guter Service Ausländer dazu, Konten im Baltikum zu eröffnen. Lasche Kontrollen und schwache Aufsichtsbehörden machten die Region zu einem Geldwäscheparadies für Oligarchen, Waffenschieber und zentralasiatische Potentaten. 2016 wurde die lettische Trasta Komercbanka geschlossen, mit deren Hilfe reiche Russen 20 Mrd. Dollar ins Ausland schleusten. Im Februar 2018 brach Lettlands drittgrößte Bank ABLV zusammen. Auslöser waren Erkenntnisse der US-Regierung über Verstöße gegen Geldwäschegesetze und die Sanktionen gegen Nordkorea. Wenig später verlor die estnische Versobank ihre Lizenz. Stets im Zentrum der Skandale: Kunden mit Sitz im Ausland und ohne geschäftliche Verbindung ins Baltikum.

Viele solcher Kunden hatte auch die Danske Bank. Einige übernahm sie, als sie 2007 die finnische Sampo Bank schluckte – samt ihrem Geschäft im Baltikum und in Russland. Der größere Teil kam später hinzu. Bis 2015 führte die estnische Danske-Filiale insgesamt 15.000 Auslandskunden aus 90 Ländern, darunter viele britische Limited Liability Partnerships und Strohfirmen aus Offshoreregionen wie den Britischen Jungferninseln. Wie man heute weiß, verbargen sich hinter solchen Adressen nicht nur Privatpersonen, sondern auch kleptokratische Regime – etwa das von Aserbaidschan, das nach Recherchen des Organized Crime and Corruption Reporting Project über Konten schottischer Firmen bei der Danske einen Geheimfonds einrichtete. Mit den Milliarden sollen im Westen unter anderem Lobbyisten bezahlt und Politiker bestochen worden sein.

Als die dänische Kanzlei Bruun & Hjejle Jahre später im Auftrag des Danske-Aufsichtsrats die Auslandskunden durchforstete, stieß sie auf Millionen verdächtiger Fälle: Transaktionen aus geldwäscheanfälligen Ländern, Falschangaben im Handelsregister, unklare Besitzverhältnisse. Bei solchen Mustern müssten in einer Bank alle Risikosysteme anschlagen und die Mitarbeiter die Behörden informieren. Eigentlich.

In der Filiale in Estland, die ein weitgehendes Eigenleben im Konzern führte, wurden dagegen unzählige solcher Zahlungen durchgewinkt. Dabei half, dass die Auslandskunden ein großer Profitbringer waren. Über ihre Konten liefen im Jahr zweistellige Milliardenbeträge, fast 40 Prozent des gesamten Transaktionsvolumens der Estlandtochter. Das Auslandsportfolio steuerte zwischen 2007 und 2015 bis zu 99 Prozent des Gewinns vor Kreditausfällen der Danske Bank Estland bei, 2010 sogar ein Zehntel des Vorsteuergewinns des Gesamtkonzerns – so dokumentiert es der Untersuchungsbericht von Bruun & Hjejle. Auf Anfrage von Capital wollte die Bank zu keinem dieser Vorgänge Stellung nehmen.

Dass aber diese Profite mit den als „Hochrisikokunden“ eingestuften Klienten nicht ohne Risiko zu haben sind, war auch in Kopenhagen früh klar. Schon im Juni 2007 warnte die russische Zentralbank, dass sich Danske-Kunden in Estland an verdächtigen Transaktionen über „Milliarden von Rubel monatlich“ beteiligten. Deren Zweck: Steuerhinterziehung oder „kriminelle Aktivitäten“ wie Geldwäsche. Dennoch hörten die Aufsichtsbehörden über Jahre nur Beschwichtigungen aus der Bank: Die internen Kontrollsysteme gegen Geldwäsche funktionierten. Selbst als Whistleblower Wilkinson Ende 2013 Alarm schlug, erfuhren die Aufseher lange nichts.

Angst vor Vergeltung

Das Europäische Parlament in Brüssel, Paul-Henri-Spaak-Gebäude, ein kleiner Sitzungssaal mit hölzernen Pulten. An einem Mittwoch Ende November 2018 tagt hier der Sonderausschuss für Finanz- und Steuerkriminalität des EU-Parlaments, es geht um den Kampf gegen Geldwäsche im EU-Bankensystem. Einer der Gäste: Danske-Whistleblower Wilkinson.

Der Mann, der alles ins Rollen brachte, sieht nicht aus wie ein Starbanker: mäßig sitzender Anzug, weinrote Krawatte. Gut zwölf Minuten lang spricht er flüssig und souverän wie ein Berufspolitiker. Sagt Sätze wie „Geldwäsche kennt keine Grenzen“ oder stellt rhetorische Fragen: „Ist es Aufgabe der dänischen Finanzaufsicht, der größten Bank zu helfen?“ Statt Antworten darauf zu geben, lächelt er oft nur spöttisch.

Erst Jahre nach Wilkinsons Alarm wird die Affäre bekannt. Die Bank mauert lange
Erst Jahre nach Wilkinsons Alarm wird die Affäre bekannt. Die Bank mauert lange (Illustration: S. Patience)

Vier Monate nach seiner ersten Mail hat Wilkinson die Danske Bank verlassen. Damals sei ihm klar geworden, dass die Bank nicht die Absicht habe, mit seinen Hinweisen irgendetwas Substanzielles anzufangen, sagt er. Im April 2014 schreibt Wilkinson an einen Vorstand: „Die Dinge hier sind total kaputt.“ Kurz darauf unterzeichnet er ein Abkommen, in dem er sich zur Verschwiegenheit verpflichtet, und geht.

Nach der Anhörung sitzt Wilkinson im Büro einer schwedischen Abgeordneten, neben sich sein US-Anwalt Stephen Kohn, dessen Büro sich als „Amerikas führende Kanzlei für Whistleblower“ rühmt. Im direkten Gespräch ist Wilkinson plötzlich ein anderer Mensch. Sein Hemd ist durchgeschwitzt. Er atmet tief ein, bläht die Backen auf, pustet die Luft heraus. „Ich habe mir das hier nicht ausgesucht“, sagt er. „Diese Öffentlichkeit habe ich nie gewollt.“

Am Nachmittag will Wilkinson nach Hause fliegen: nach England, nicht nach Estland, wo seine Frau herkommt. „Dahin kann ich wohl nie mehr zurück“, sagt er. Zu gefährlich, vielleicht lebensgefährlich. Seit ihn ein estnisches Magazin vergangenen September geoutet hat, trägt der Whistleblower, den manche als Verräter sehen, einen Namen. Ihm bleibt nur die Flucht nach vorn.

Zu den Dingen, die er loswerden will, gehört die Botschaft, dass der Danske-Skandal weit über eine einzelne Bank in einem einzelnen Land hinausgeht. Den Abgeordneten hat Wilkinson ein Schaubild mitgebracht, das den Geldfluss zwischen „mindestens zehn“ involvierten Instituten illustriert – wenn auch, ohne deren Namen offenzulegen. Von vier Banken in Russland floss demnach das Geld über die Danske Bank an die Empfänger – mithilfe dreier globaler Institute, die auf der Folie nur „US-Tochter einer europäischen Bank“ sowie „Große US-Bank 1“ und „Große US-Bank 2“ heißen.

Weil die Danske Bank nämlich selbst keine US-Tochter mit Zugang zum US-Zentralbanksystem hat, benötigte ihre Estlandtochter für große Transaktionen in Dollar die Dienste fremder Banken. Bei diesen Korrespondenzbanken handelte es sich um Institute mit globaler Reichweite, die gegen gute Gebühren das Clearing übernehmen. Die Namen der drei langjährigen Korrespondenzbanken nimmt Wilkinson nicht in den Mund. Das Bankgeheimnis. Dabei ist längst durchgesickert, dass sich hinter der „europäischen Bank“ und ihrer US-Tochter die Deutsche Bank verbirgt.

Bekannt ist auch, dass über die Deutsche Bank bis 2015 der Großteil der verdächtigen Transaktionen der Danske abgewickelt wurde: nach Wilkinsons Schätzung rund 150 der 230 Mrd. Dollar. Bei den beiden anderen Korrespondenzbanken handelte es sich um die Bank of America und JP Morgan Chase. Diese Institute „waren die letzte Kontrollstelle“, sagt Wilkinson. „Sobald das Geld da durchkam, war es draußen: sauber und im weltweiten Finanzsystem.“

Aus Rubel werden Dollar

Auch für einen besonderen Kanal, über den Wilkinsons Kollegen in Tallinn für russische Kunden hohe Summen nach Westen schleusten, benötigte die Danske Bank die Dienste von Zahlungsabwicklern. Der Name dieses Instruments, das häufig für illegale Aktivitäten genutzt wird: Mirror Trades. Bei diesen Geschäften weist ein Unternehmen etwa eine in Russland tätige Bank an, in Rubel international handelbare Aktien oder Anleihen zu kaufen. Parallel verkauft ein westlicher Ableger des Unternehmens die gleiche Menge Wertpapiere an die Bank, natürlich gegen Dollar, Euro oder Pfund. Eine Aktion ohne wirtschaftlichen Sinn – an deren Ende aber das Geld in einer anderen Währung scheinbar legal auf einem anderen Konto liegt.

Schon 2012 wird Wilkinson auf die Mirror Trades mit russischen Staatsanleihen aufmerksam, die seine Bank abwickelt – 8,5 Mrd. Euro allein in einem Jahr. Die Geschäftspartner: zehn anonyme russische Finanzvehikel, bei denen völlig unklar ist, wem das Geld am Ende gehört. Im Oktober 2012 warnt Wilkinson deshalb in einem Memo an seine Chefs: Die Geschäfte seien „hochprofitabel“ – aber es bestehe das Risiko, dass die Bank damit Beihilfe zu „Kapitalflucht aus Russland“ leiste.

Tod im Gefängnis

Zu diesem Zeitpunkt kann Wilkinson noch gar nicht ahnen, wie viele andere Beispiele für dubiose Geschäfte es bei der Danske noch gibt. Eine Spur führt heute etwa zum sogenannten Fall Magnitski. Sergei Magnitski, Wirtschaftsprüfer des US-Fonds Hermitage Capital, hatte vor Jahren einen mutmaßlichen Steuerbetrug russischer Beamter in Höhe von 230 Mio. Dollar aufgedeckt. Doch statt der Beamten landete Magnitski selbst im Gefängnis, wo er 2009 unter ungeklärten Umständen starb. Nach seinem Tod sorgte Hermitage-Capital-Gründer Bill Browder dafür, dass der Fall weltweit Folgen hatte: 2012 erließ die US-Regierung den Magnitsky Act, der Sanktionen gegen eine Reihe russischer Beamter vorsieht. Für Unternehmen, die in den Fall auf irgendeine Weise verwickelt waren, könnte das Gesetz noch zu Problemen in den USA führen.

Browder geht heute davon aus, dass das Geld aus dem Steuerbetrug über die Danske Bank Estland gewaschen wurde. Ihm sei es gelungen, 21 Konten bei der Danske zu finden, die eng mit dem von Magnitski aufgedeckten Geldwäschenetzwerk verbunden sind, sagt er auf Capital-Anfrage. Als Beleg schickt er eine Grafik des Geflechts von mehr als 80 Firmen in mehreren Ländern, über das die 230 Mio. Dollar geflossen sein sollen. Die Empfänger am Ende: Firmen aus Steueroasen sowie britische LLPs, fast alle Danske-Kunden mit russischen Eigentümern. Indem über diese Firmen Warenlieferungen bezahlt wurden, landete das schmutzige Geld später im allgemeinen Wirtschaftskreislauf – etwa auch bei deutschen Unternehmen.

Eine Mitverantwortung für das Geldwäschesystem tragen nach Browders Ansicht auch die Korrespondenzbanken der Danske. Sie hätten die Warnsignale gekannt, sagt er – ohne Gegenmaßnahmen zu treffen oder die Fälle zu melden.

Ende 2018 verhaftet die Polizei in Estland zehn Ex-Danske-Banker wegen Beihilfe zur Geldwäsche
Ende 2018 verhaftet die Polizei in Estland zehn Ex-Danske-Banker wegen Beihilfe zur Geldwäsche (Illustration: S. Patience)

Die Deutsche Bank erklärt auf Anfrage, es sei die Aufgabe der Danske Estland als kontoführende Bank gewesen, ihre Kunden entsprechend den geltenden Vorschriften zu überprüfen. Ihre Geschäftsbeziehung mit der estnischen Filiale habe die Deutsche Bank dann 2015 beendet, „weil uns Transaktionen wiederholt verdächtig vorkamen“. Im Fall Danske habe man intern „bisher kein Fehlverhalten unserer Bank feststellen“ können. Generell habe man das Korrespondenzbankgeschäft in „Risikoländern“ zuletzt erheblich verkleinert oder ganz aufgegeben.

Allerdings sind zur Rolle der Deutschen Bank, die wegen Lücken bei ihren Geldwäschekontrollen ohnehin im Visier der Finanzaufsicht steht, längst nicht alle Fragen geklärt. Bankenexperten weisen darauf hin, dass die Danske Estland eben „auffällig viel“ des verdächtigen Volumens über das deutsche Geldhaus abgewickelt habe. Zu klären ist auch, ob die Deutsche Bank nicht schon früher hätte handeln müssen als im Juli 2015 – zumal JP Morgan schon zwei Jahre zuvor die Notbremse zog.

Nach Recherchen des „Spiegel“ sollen bereits 2013 und 2014 in einem Dutzend Fälle Zahlungen von Danske-Kunden auf Deutsche-Bank-Konten wegen Verstößen gegen die interne Geschäftspolitik zurückgewiesen worden sein. Diese Überweisungen hätten im Zusammenhang mit der „aserbaidschanischen Waschmaschine“ gestanden – jenem System, über das das Regime in Baku Milliardenbeträge gewaschen hat. Zu einer konkreten Frage nach diesen Fällen äußerte sich die Bank nicht.

Geld gegen Schweigen

Es gibt jedoch auch bei einer großen Geldwäscheaffäre in der Moskauer Filiale der Deutschen Bank eine Querverbindung zum Fall Danske. Im Zentrum des Skandals: Mirror Trades. In einer Vereinbarung mit den US-Finanzbehörden räumte die Deutsche Bank ein, dass Mitarbeiter von 2011 bis 2015 „einer korrupten Gruppe von Aktienhändlern und Offshore-Einheiten“ dabei halfen, 10 Mrd. Dollar illegal aus Russland nach London und New York zu transferieren. Auch hier spielten englische Danske-Kunden eine Rolle: Strohfirmen, die eng mit Lantana Trade verflochten waren – jener Firma, vor der Whistleblower Wilkinson 2013 als Erstes warnt.

Wilkinsons Mail kurz nach Weihnachten löst in der Danske-Zentrale Hektik aus. Im Sommer 2013 ist JP Morgan wegen Geldwäscheverdachts als Korrespondenzbank abgesprungen, und seitdem ahnt man in Kopenhagen, dass in Estland wirklich etwas schiefläuft. Nach der Weihnachtspause wird die Konzernrevision mit einer Prüfung beauftragt. Schon im Februar 2014 ist klar, dass Wilkinsons Vorwürfe zutreffen und dass in Estland „sowohl internationale Standards als auch estnisches Recht“ verletzt werden, wie die Kanzlei Bruun & Hjejle später konstatiert.

Als Reaktion verfügt der Vorstand, das Mirror Trading mit russischen Staatsanleihen zu beenden. Offshorefirmen dürfen keine neuen Konten mehr eröffnen. Weitere Konsequenzen gibt es vorerst nicht, die Behörden werden nicht informiert. Im April teilen zwei hochrangige Manager Wilkinson mit, dass „keine Brüche estnischer Gesetze“ festgestellt worden seien, sondern lediglich „Versäumnisse bei der Dokumentation von Kunden“.

Wie er im EU-Parlament berichtet, schreibt Wilkinson am 8. April 2014 eine weitere Mail an die Zentrale, diesmal mit einer Drohung: Werde binnen einer Woche nichts gegen die von ihm untersuchten Briefkastenfirmen unternommen, werde er sich direkt an die estnische Finanzpolizei wenden. Nun geht alles schnell. Per Mail kommt die Zusage, die Konten zu schließen. Wenige Tage später fliegt ein hochrangiger Manager nach Tallinn, im Gepäck hat er einen Auflösungsvertrag.

Das Angebot: Sechs Monate Gehaltsfortzahlung plus 20.000 Euro, wenn Wilkinson ein Verschwiegenheitsabkommen unterschreibt und die Bank verlässt. Er willigt ein. Der Manager habe ihm versprochen, dass die Vorwürfe gründlich untersucht würden, sagt Wilkinson heute. Da-rauf habe er sich verlassen.

Was nach seinem Ausscheiden jedoch nicht folgt: eine gründliche Untersuchung. Vor allem sein Vorwurf, Kundenbetreuer in Tallinn hätten mit dubiosen Kunden kooperiert, wird ignoriert. Eine externe Prüfung dazu wird nach Intervention von zwei Vorständen wieder abgeblasen. Trotzdem heißt es im Sommer 2014 intern: Alle Probleme seien untersucht und die nötigen Schritte zu deren Behebung eingeleitet worden. Im Januar 2015 beschließt der Aufsichtsrat Änderungen für das Baltikum: Dort sollen nur noch Neukunden zugelassen werden, die tatsächliche Aktivitäten in der Region haben. Das bestehende Auslandsportfolio soll zügig abgewickelt werden.

Doch bis das letzte Konto geschlossen ist, wird es Anfang 2016 – obwohl sich in der Zwischenzeit die Aufsichtsbehörden verstärkt einschalten: Die estnische Finanzaufsicht verfasst einen vernichtenden Report über die Anti-Geldwäsche-Standards bei der Bank. Im Frühjahr 2016 erteilen auch die dänischen Finanzaufseher eine Rüge.

Richtig ins Rollen gerät die Affäre erst ab 2017, als die Zeitung „Berlingske“ und der „Guardian“ die Verwicklung der Bank in Geldwäsche und die Finanzierung von Waffendeals enthüllen – bis dahin hatte die Öffentlichkeit wenig davon mitbekommen. Im September 2018 erscheint der Untersuchungsbericht von Bruun & Hjejle. Danske-Vorstandschef Thomas Borgen erklärt seinen Rücktritt.

Doch die Aufklärung ist damit noch längst nicht vorbei. Die schleppende Aufarbeitung der Bank hat dazu geführt, dass die wahren Ausmaße der Affäre bis heute nicht bekannt sind – und ebenso, welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Erst seit Kurzem diskutieren Politiker in der EU ernsthaft, wie die nationalen Aufsichtsbehörden im Kampf gegen Geldwäsche besser kooperieren können. Die baltischen Staaten haben erst in jüngerer Zeit ihre Bemühungen verstärkt, Einfallstore für Schwarzgeld zu schließen. Erst jetzt nimmt die britische Regierung eine Reform der unseligen Limited Liability Partnerships in Angriff, um Kriminellen das Geschäft zu erschweren.

Howard Wilkinson verfolgt das alles aus der Ferne – er arbeitet heute nicht mehr in der Finanzbranche. Genugtuung verspürt er trotzdem. Whistleblower, sagt er, seien wie Rauchmelder. Mal schlügen sie zu Recht Alarm, mal zu Unrecht. Bei der Danske Bank aber habe es ein riesiges Feuer gegeben, sagt er. „Der Rauch hat alle Räume gefüllt.“