ChemieindustrieDie Chemie stimmt nicht mehr

In Scherben: Nach etlichen glücklichen Jahren läuft in der Chemieindustrie inzwischen einiges schiefSebastian André Kruthoffer

Wer in die Chefetage des größten Chemiekonzerns der Welt will, sollte Zeit mitbringen. In der BASF-Zentrale in Ludwigshafen führt eine breite Steintreppe zunächst in eine Vorhalle, aus der es dann mit dem Aufzug hinaufgeht. Eile ist ausdrücklich verboten: Ein Schild mahnt Besucher, die Stufen der Treppe stets vorsichtig mit einer Hand am Geländer zu nehmen. Eine der vielen kleinen Regeln, mit denen man die Zahl der Unfälle auf dem riesigen Betriebsgelände senken will.

Ein wenig symbolisiert das Ganze, was die BASF seit Ende des Zweiten Weltkriegs so erfolgreich gemacht hat: In Trippelschritten vorwärts, kleinste Details im Blick, so schuf man einen steten Fluss von Verbesserungen und Erfindungen aller Art. Allerdings: Dieses Rezept funktioniert nicht mehr. Umsätze und Gewinne stagnieren, der Aktienkurs hat sich seit April 2015 halbiert.

Der neue BASF-Chef Martin Brudermüller kann deshalb nur Ungemach verkünden: zwei Gewinnwarnungen, den Abbau von 6000 Jobs, Sparkurs. Der gelernte Chemiker gilt in der Branche nicht eben als Revoluzzer, jetzt aber fällt seine Diagnose radikal aus: „Wir müssen uns verändern, deutlich verändern.“

Der Befund trifft nicht nur auf die BASF zu, sondern auf die Mehrheit der 3700 Chemieunternehmen in Deutschland. Sie müssen schnell umschalten, wollen sie nicht ihre Spitzenposition in der Welt verlieren. Die Berater von Deloitte sprechen vom „disruptiven Charakter“ der kommenden Veränderungen. Heißt: Es kracht an vielen Ecken.

  • Die zyklische Branche leidet stärker als andere unter dem Stocken der Weltkonjunktur. Seit Mitte 2018 wächst sie nicht mehr, für 2019 zeichnet sich ein Umsatzrückgang von mindestens drei Prozent ab.
  • Ihr wichtigster Kunde steckt im Umbruch: die Autoindustrie. Bei der BASF sorgt sie direkt und indirekt für ein Fünftel des Umsatzes, bei Spezialisten für noch mehr.
  • Neue Anbieter, vor allem aus China, machen den Deutschen inzwischen auch bei komplexen Produkten Konkurrenz. Preise fallen.
  • Die Unternehmen wissen zu wenig über die Endkunden und nutzen die Chancen der Digitalisierung zu wenig, um ihre Lieferketten besser in den Griff zu bekommen. Profite wandern in andere Taschen.
  • Die Kosten bremsen den Chemiestandort Deutschland. Die Löhne steigen nach dem Tarifabschluss 2018 im Schnitt um 4,6 Prozent. Dazu kommt der hohe Strompreis.
  • Die Branche kämpft gegen einen Zeitgeist, der Chemie immer kritischer sieht, von Plastikverpackungen bis zu Unkrautvernichtern.

So viele Probleme wie heute gab es in der Nachkriegsgeschichte nur ein einziges Mal – in der Ölkrise der 70er-Jahre. Das Geschäftsmodell der deutschen Chemie steht darum unter enormem Druck. Und vieles dabei erinnert verteufelt an die Misere in der Stahlindustrie.