KolumneDie Arroganz der Autoindustrie

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerMartin Kress

Es gab Zeiten in Berlin, da ruhten die Augen aller 5000 Lobbyisten neidisch auf einem der Ihrigen: Matthias Wissmann, der Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie, galt als großes Vorbild für Interessenvertreter aller Art. Niemand trat so oft im Fernsehen auf wie der frühere Bundesverkehrsminister, niemand drückte seine Standesinteressen so geschickt in neue Gesetze und niemand verfügte über so gute Verbindungen in die Politik. Und vor allem war kein anderer Lobbyist so oft bei Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt zu Gast wie der rührige und stets zuvorkommende Herr Wissmann.

Jetzt geht die Karriere des CDU-Politikers zu Ende – und fast alle in der Hauptstadt sind sich einig: Es wird auch Zeit. Am morgigen Dienstag wählt der Vorstand des Autoverbandes den 61-jährigen Bernhard Mattes zum Nachfolger Wissmans. Und alle wissen: Auf den früheren Deutschland-Chef von Ford kommt viel Arbeit zu. Vor allem muss Mattes einen anderen Stil im Umgang mit Politikern und Öffentlichkeit durchsetzen. Seit dem Beginn des Diesel-Skandals bei VW steht die Autoindustrie unter Beschuss wie nie zuvor in den letzten 50 Jahren. Und Wissmann trug durch seine selbstgefälligen Auftritte in dieser Krise dazu bei, dass sich das Bild einer arroganten und nicht dialogfähigen Industrie in den Köpfen festsetzen konnte.

Imponiergehabe ist Fehl am Platz

Heute überlegen es sich viele Politiker dreimal, ob sie sich mit einem Vertreter der deutschen Autoindustrie treffen oder gar gemeinsam in einer Berliner Veranstaltung präsentieren sollten. Was lange Jahre als große Stärke Wissmanns galt, hat sich zuletzt in eine Schwäche verwandelt: Der besonders enge Schulterschluss zwischen Industrie und Politik hat überall Misstrauen gesät. Notwendig ist, was auf den ersten Blick für Lobbyismus paradox klingt: ein Stück mehr Distanz zwischen Herstellern und Ministerien, zwischen Autoindustrie und Abgeordneten. Der Verband sollte unter seinem neuen Präsidenten Matthes zurückhaltender agieren wie andere Lobbyisten in Berlin auch. Imponiergehabe und Omnipotenzvorstellungen passen nicht mehr zu einer modernen Vertretung von Industrieinteressen.

Zu lange haben sich die Autohersteller darum bemüht, Umweltauflagen durch alle möglichen Tricks zu verwässern. Heute müssen sie aufpassen, dass sie mit diesem Verhalten nicht einen genau umgekehrten Effekt erzielen. Längst kann die Politik selbst nicht mehr so handeln wie in der Vergangenheit. Beispiel Diesel: In mehreren deutschen Städten drohen die Gerichte mit Fahrverboten – und weder die Landesregierungen noch die Industrie können daran etwas ändern. Und die Medien haben sich ohnehin längst darauf eingeschossen, der Autoindustrie ein kollektives Versagen bei der Vermeidung von Feinstaub und anderen Umweltgiften zu unterstellen.

Der neue Verbandspräsident Matthes ist mit seiner ruhigen, diplomatischen Art der richtige Mann zur richtigen Stunde. Mann kann nur hoffen, dass ihn die vielen Alphatiere der Industrie auch machen lassen.