FußballgeschäftDie Angst der Bundesliga vor dem Abstieg

In vielen Stadien protestieren Fans gegen Investoren im Fußball
In vielen Stadien protestieren Fans gegen Investoren im Fußball dpa

Der Herausforderer, der die deutsche Fußballbranche umwälzen will, hat an diesem Tag neue Gegner. Zwei Wespen haben es auf Martin Kind und seinen Orangensaft abgesehen, bedrohlich schwirren sie um seinen Kopf. Es ist Anfang August, knapp drei Wochen vor dem Beginn der neuen Bundesligasaison, und der Hörgeräteunternehmer, im Nebenjob Präsident des Bundesligaclubs Hannover 96, sitzt im offenen Hemd auf einer Restaurantterrasse neben seiner Firmenzentrale in Großburgwedel. Auf dem Tisch liegen akkurat nebeneinander seine Armbanduhr, sein Autoschlüssel und sein altes Klapphandy von Nokia. Kaum hat er die Wespen vertrieben, legt Kind los. „Die Bundesliga hat international an Bedeutung verloren, besonders auch in der Europa League und in der Champions League“, sagt der Clubchef. Es werde immer schwerer, Stars zu überzeugen, nach Deutschland zu wechseln. Auch das peinliche Aus der Nationalmannschaft bei der WM in Russland sieht er als „Spiegelbild der Leistungsentwicklung“.

Schon lange ist die erfolgsverwöhnte deutsche Fußballbranche nicht mehr mit so viel Ballast in eine Saison gestartet wie in diese. Nach dem Absturz des Weltmeisters ist nicht nur die Debatte um Nationalspieler Mesut Özil völlig außer Kontrolle geraten. Neu entbrannt ist auch der Streit, ob sich die Liga stärker für Investoren öffnen muss, um im Wettbewerb mit anderen Fußballnationen zu bestehen. Man müsse endlich das „Rumgeeiere“ beenden, schimpft FC-Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Seit Jahren leistet sich die Bundesliga einen Sonderweg. Während Engländer, Spanier, Italiener und Franzosen das Geld von Oligarchen, Scheichs und chinesischen Konzernen aufsaugen und in immer höhere Ablösen und Gehälter für Stars wie Neymar pumpen, spielen Investoren in Deutschland kaum eine Rolle. Die sogenannte 50+1-Regel hindert vereinsfremde Anteilseigner daran, bei Bundesligisten die Kontrolle zu übernehmen: Die Profimannschaften sind zwar in der Regel in Kapitalgesellschaften ausgegliedert, dort aber müssen die Vereine die Stimmenmehrheit halten. Und Investoren gehen lieber dahin, wo sie für ihr Geld auch die Macht bekommen.

„Wie ein Kartell“

Doch längst wächst die Sorge, beim Wettrüsten der Branche den Anschluss zu verlieren. Obwohl die Bundesliga zuletzt ständig Umsatzrekorde aufstellte, sind deutsche Clubs bei den ganz großen Transfers meist nur noch beteiligt, wenn sie Stars ins Ausland verkaufen. In der Fünfjahreswertung der UEFA ist die Liga von Platz zwei auf vier abgerutscht, weil zuletzt nur der FC Bayern in Europa mithielt. „Der von immer massiveren Investitionen geprägte internationale Top-Fußball hat sich an der Spitze an Deutschland vorbeientwickelt“, sagt Axel Hellmann, Vorstand von Eintracht Frankfurt.

Um nicht abgehängt zu werden, wollen einige Clubs die 50+1-Regel kippen oder zumindest ändern – gegen den Widerstand der anderen, die den Einfluss renditegetriebener Geldgeber auf den Sport fürchten. Es tobt ein Kampf zwischen Kommerz und Kultur, zwischen Millionengeschäft und Mitbestimmung, zwischen Funktionären und Fans. An vorderster Front: Martin Kind, der die 50+1-Regel als „Wettbewerbshürde“ sieht und nun gegen sie klagt.

Mit seinen 74 Jahren wirkt Kind nicht wie einer jener globalen Kapitalisten, vor denen die 50+1-Anhänger stets warnen. Trotz eines Vermögens von geschätzt 700 Mio. Euro hat er keine Riesenyacht wie Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch und keinen Privatjet – nur einen Audi quattro. In Hannover übernahm er den Job als Präsident 1997, als der Club in der dritten Liga spielte. „Aber für die Fans, die einen anderen Begriff von Fußballkultur haben, bin ich natürlich das Feindbild“, sagt Kind. Für viele Anhänger, die gegen die „Überkommerzialisierung“ des Fußballs kämpfen, und Clubchefs, die unter dem Druck investorenkritischer Fankurven stehen, ist 50+1 heilig – und Martin Kind der Mann, der die Schutzzäune um ein Kulturgut einreißen will.

Unternehmer Martin Kind will die volle Kon­trolle bei Hannover 96
Unternehmer Martin Kind will die volle Kon­trolle bei Hannover 96 (Foto: Getty Images)

Schon heute hält Kind mit drei Partnern aus der Region über ein komplexes Firmengeflecht alle Kommanditanteile an der Kapitalgesellschaft, über die Hannover 96 in der Bundesliga spielt. Was ihm wegen der 50+1-Regel fehlt, sind die vollen Rechte eines Eigentümers, etwa auf die Bestellung der Geschäftsführung – so wie in seiner eigenen Firma. „Bundesligaclubs sind heute Unternehmen“, sagt Kind. „Also muss auch das Unternehmensrecht gelten.“

Seit Jahren liegt Kind daher im Clinch mit der DFL, dem Zusammenschluss der Erst- und Zweitligisten. Denn die 50+1-Regel ist längst durchlöchert, nicht erst seit dem Aufstieg des Red-Bull-Clubs RB Leipzig: Investoren, die einen Verein 20 Jahre lang „ununterbrochen und erheblich gefördert“ haben, dürfen die Mehrheit der Stimmrechte übernehmen. Von dieser Ausnahme profitieren Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg, beides 100-Prozent-Töchter von Dax-Konzernen. Seit 2015 darf auch SAP-Gründer Dietmar Hopp die TSG 1899 Hoffenheim kontrollieren, nachdem er mehr als 350 Mio. Euro in seinen Heimatverein gepumpt hat.

„Viele englische Clubs, auch aus der Mittelklasse, können ganz anders agieren als manch ein Spitzenverein aus der Bundesliga“

Stefan Ludwig, Partner bei Deloitte

Nun pocht auch Kind auf die Ausnahme. Doch die DFL legt sich quer. Kind habe zu wenig Geld investiert und verfehle die Voraussetzungen für eine Genehmigung, befand das DFL-Präsidium Mitte Juli. Seitdem eskaliert der Konflikt. Am 1. August rief Kind ein Schiedsgericht an. Eine Großkanzlei arbeitet an einer weiteren Klage vor dem Landgericht Frankfurt. Die DFL verhalte sich „wie ein Kartell“, das seine Regeln selbst bestimme, sagt Kind. Es gibt nicht wenige Juristen, die die 50+1-Regel als unzulässigen Eingriff in die Freiheit des Kapitalverkehrs werten.

Bei den meisten aktuellen Einnahmequellen der Bundesliga stößt das Wachstum langsam an Grenzen. Großinvestoren zuzulassen wäre da der einfachste Weg, mit frischem Kapital zu den Engländern aufzuschließen. Vor allem dank gigantischer TV- und Medienerlöse von ligaweit mehr als 3 Mrd. Euro im Jahr lag der Umsatz eines Premier-League-Clubs in der Saison 2016/17 laut der Unternehmensberatung Deloitte im Schnitt bei 265 Mio. Euro – 110 Mio.  mehr als ein Bundesligist. „Viele englische Clubs, auch aus der Mittelklasse, können ganz anders agieren als manch ein Spitzenverein aus der Bundesliga“, sagt Stefan Ludwig, Partner bei Deloitte. „Die Premier League ist allen anderen Ligen weit enteilt.“

Zusätzlich flossen in England über die Jahre Hunderte Millionen Euro von potenten Eigentümern. Bei Chelsea soll Oligarch Abramowitsch seit 2003 rund 2 Mrd. Pfund investiert haben. Manchester United gehört einer US-Milliardärsfamilie, Ortsrivale City einem Scheich aus Abu Dhabi und einem chinesischen Staatskonzern. In Deutschland finden sich als Investoren dagegen meist Einzelpersonen aus der Region wie Kind, Hopp und HSV-Miteigentümer Klaus-Michael Kühne. Auch Sponsoren wie Adidas, Evonik oder Audi halten manchmal Anteile. Solche „strategische Investoren“ seien ein Weg, Kapital aufzunehmen, ohne zu einer „Premier League 2.0“ zu werden, sagt der Sportökonom Sascha L. Schmidt von der WHU – Otto Beisheim School of Management.

Der Preis des Erfolgs

Lange schien es so, als könnte der deutsche Fußball auch mit weniger Kapital konkurrenzfähig bleiben. Im Finale der Champions League 2013 machten der FC Bayern und Borussia Dortmund den Sieger unter sich aus. Ein Jahr später folgte der WM-Triumph in Rio, 2017 der Sieg beim Confed Cup. Doch nicht erst seit dem Debakel in Russland mehren sich die Alarmzeichen: die Pleiten deutscher Starter in der Europa League, die Langeweile in der Liga durch die Übermacht der Bayern, die Probleme der Juniorenteams des DFB. Der Weltmeisterbonus ist aufgebraucht.

„Ich habe das Gefühl, dass sich bei einigen Spitzenkräften des deutschen Fußballs eine gewisse Selbstzufriedenheit eingeschlichen hat“, sagt Eintracht-Vorstand Hellmann. Die Erfolge 2013 und 2014 hätten bei einigen „eine einschläfernde Wirkung“ auf die Bereitschaft gehabt, sich in der Liga kritischen Fragen zur Wettbewerbsfähigkeit zu stellen. Im Januar warnte DFL-Chef Christian Seifert deshalb in einer Brandrede: „Wer internationale Zweitklassigkeit nicht so schlimm findet, wird sich schneller, als er denkt, in der internationalen Bedeutungslosigkeit wiederfinden.“ Es reiche nicht, nur den Status quo zu verwalten.

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Die Sorgen des Chefvermarkters teilen auch andere. „Wir sind der Meinung, dass die Bundesliga sich im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit öffnen muss“, sagt Hertha-Manager Michael Preetz. „Jeder Verein sollte für sich selbst entscheiden können, welchen Weg er gehen möchte.“

Ähnlich sehen das der FC Bayern, der HSV und Eintracht Frankfurt. Bei einer Marktöffnung könne ja auch mit einem Katalog sichergestellt werden, dass vereinsfremde Mehrheitseigner bei fundamentalen Fragen wie der Aufnahme von Kapital, aber auch bei Namen und Standort nicht gegen den Verein entscheiden dürfen, sagt Hellmann. Die Liga brauche „klare Regeln für ein Financial Fairplay und harte Vorgaben für die Höhe und die Herkunft von frischem Kapital“. Aber bisher sperrt sich eine Mehrheit in der DFL, 50+1 anzurühren – allen voran der FC St. Pauli und der börsennotierte BVB.

Vitesse Arnheim, FC Málaga, FC Portsmouth, Nottingham Forest, 1860 München, AC Parma, OSC Lille – St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig könnte noch einige Beispiele mehr aufzählen. „Bei all diesen Clubs hat ein Investor den Laden vor die Wand gefahren und sich dann aus dem Staub gemacht“, sagt der Manager des Zweitligisten. Ähnliches passiere gerade beim AC Mailand, wo der chinesische Eigentümer seine Schulden nicht bedienen kann.

St.-Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig
St.-Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig kämpft gegen die Abschaffung der 50+1-Regel (Foto: Getty Images)

Als Kollege von Seifert war Rettig von 2013 bis 2015 Geschäftsführer der DFL. Heute ist er Anführer der 50+1-Verfechter. In einer denkwürdigen DFL-Mitgliederversammlung im März boxte er einen Antrag durch, mit dem er die Regel zementierte – obwohl das Präsidium zuvor eigentlich eine „ergebnisoffene Grundsatzdiskussion“ beschlossen hatte.

„Ich bin nicht investorenfeindlich“, beteuert Rettig. „Altruistische“ Geldgeber wie „die Hopps dieser Welt“ seien herzlich willkommen und „ein Gewinn für den Standort“. Aber wenn 50+1 falle, würden alle Schleusen geöffnet: für Konzerne, die Clubs als „werbetreibende Töchter“ behandeln, für dubiose Investoren und Geld aus trüben Quellen. Bestätigt sieht er sich durch Fälle wie dem des Maschinenbauers Leifeld, bei dem die Bundesregierung jüngst die Übernahme durch einen Bieter aus China blockierte. „Die Politik fängt gerade an, über Sicherheitsmaßnahmen nachzudenken. Die haben wir im Fußball bereits. Warum sollten wir die aufs Spiel setzen?“

Selbst das Argument, dass die Liga durch externe Kapitalgeber wettbewerbsfähiger wird, lässt Rettig nicht gelten. Wenn etwa Bayern München für Neymar 220 Mio. Euro biete, zahle der katarische Scheich hinter Paris Saint-Germain eben 250 Mio. Euro, sagt er. Dagegen würde die Öffnung des Marktes hierzulande ein „Rattenrennen“ auslösen: „Wenn der Erste verkauft, gibt es sofort einen Dominoeffekt.“ Selbst Clubs, die keine Anteile abgeben wollen, würden gezwungen zu verkaufen.

Bundesliga weckt Interesse in China

Tatsächlich sind einige Bundesligisten längst aktiv auf der Suche nach Kapitalgebern – auch in China. Chinesische Milliardäre und Konzerne waren zuletzt bei den meisten Clubdeals in Europa beteiligt: bei Manchester City, Inter und AC Mailand oder Atlético Madrid, selbst in Tschechien und Holland. Auch mit deutschen Clubs führten Chinesen Gespräche – allen voran der Mischkonzern Fosun, der 2015 und 2016 bei etlichen Bundesligisten anklopfte, etwa in Dortmund, Mönchengladbach und Wolfsburg. Als Abgesandte von Hertha BSC einmal in der Fosun-Zentrale in Schanghai aufkreuzten, sahen sie dort auf einem Foto alte Bekannte: den Fosun-Chef mit ihren Kollegen von Werder Bremen.

Dennoch kam es damals zu keinem Abschluss. Als eine Hürde hätten sich die Beschränkungen für Investoren erwiesen, sagt ein Clubmanager, der mit Fosun verhandelt hat. „50+1 war ein großes Thema.“

Der historische Deal folgte stattdessen in diesem Sommer woanders – beim FC Viktoria 1889 Berlin in der Regionalliga Nordost. Als erster chinesischer Investor will der Hotelmilliardär Alex Zheng mit seiner Firma ASU einen deutschen Verein übernehmen – in der vierten Liga, wo die 50+1-Regel nicht gilt. Mithilfe eines höheren zweistelligen Millionenbetrags über mehrere Jahre will Zheng, der bereits Mehrheitseigner des französischen Erstligisten OGC Nizza ist, Viktoria in den Profifußball hieven. Man habe ja in Leipzig und Hoffenheim gesehen, was möglich ist, heißt es im Club. Auch, wie sich 50+1 austricksen lässt.