FußballgeschäftDie Angst der Bundesliga vor dem Abstieg

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Unternehmer Martin Kind will die volle Kon­trolle bei Hannover 96
Unternehmer Martin Kind will die volle Kon­trolle bei Hannover 96 (Foto: Getty Images)

Schon heute hält Kind mit drei Partnern aus der Region über ein komplexes Firmengeflecht alle Kommanditanteile an der Kapitalgesellschaft, über die Hannover 96 in der Bundesliga spielt. Was ihm wegen der 50+1-Regel fehlt, sind die vollen Rechte eines Eigentümers, etwa auf die Bestellung der Geschäftsführung – so wie in seiner eigenen Firma. „Bundesligaclubs sind heute Unternehmen“, sagt Kind. „Also muss auch das Unternehmensrecht gelten.“

Seit Jahren liegt Kind daher im Clinch mit der DFL, dem Zusammenschluss der Erst- und Zweitligisten. Denn die 50+1-Regel ist längst durchlöchert, nicht erst seit dem Aufstieg des Red-Bull-Clubs RB Leipzig: Investoren, die einen Verein 20 Jahre lang „ununterbrochen und erheblich gefördert“ haben, dürfen die Mehrheit der Stimmrechte übernehmen. Von dieser Ausnahme profitieren Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg, beides 100-Prozent-Töchter von Dax-Konzernen. Seit 2015 darf auch SAP-Gründer Dietmar Hopp die TSG 1899 Hoffenheim kontrollieren, nachdem er mehr als 350 Mio. Euro in seinen Heimatverein gepumpt hat.

„Viele englische Clubs, auch aus der Mittelklasse, können ganz anders agieren als manch ein Spitzenverein aus der Bundesliga“

Stefan Ludwig, Partner bei Deloitte

Nun pocht auch Kind auf die Ausnahme. Doch die DFL legt sich quer. Kind habe zu wenig Geld investiert und verfehle die Voraussetzungen für eine Genehmigung, befand das DFL-Präsidium Mitte Juli. Seitdem eskaliert der Konflikt. Am 1. August rief Kind ein Schiedsgericht an. Eine Großkanzlei arbeitet an einer weiteren Klage vor dem Landgericht Frankfurt. Die DFL verhalte sich „wie ein Kartell“, das seine Regeln selbst bestimme, sagt Kind. Es gibt nicht wenige Juristen, die die 50+1-Regel als unzulässigen Eingriff in die Freiheit des Kapitalverkehrs werten.

Bei den meisten aktuellen Einnahmequellen der Bundesliga stößt das Wachstum langsam an Grenzen. Großinvestoren zuzulassen wäre da der einfachste Weg, mit frischem Kapital zu den Engländern aufzuschließen. Vor allem dank gigantischer TV- und Medienerlöse von ligaweit mehr als 3 Mrd. Euro im Jahr lag der Umsatz eines Premier-League-Clubs in der Saison 2016/17 laut der Unternehmensberatung Deloitte im Schnitt bei 265 Mio. Euro – 110 Mio.  mehr als ein Bundesligist. „Viele englische Clubs, auch aus der Mittelklasse, können ganz anders agieren als manch ein Spitzenverein aus der Bundesliga“, sagt Stefan Ludwig, Partner bei Deloitte. „Die Premier League ist allen anderen Ligen weit enteilt.“

Zusätzlich flossen in England über die Jahre Hunderte Millionen Euro von potenten Eigentümern. Bei Chelsea soll Oligarch Abramowitsch seit 2003 rund 2 Mrd. Pfund investiert haben. Manchester United gehört einer US-Milliardärsfamilie, Ortsrivale City einem Scheich aus Abu Dhabi und einem chinesischen Staatskonzern. In Deutschland finden sich als Investoren dagegen meist Einzelpersonen aus der Region wie Kind, Hopp und HSV-Miteigentümer Klaus-Michael Kühne. Auch Sponsoren wie Adidas, Evonik oder Audi halten manchmal Anteile. Solche „strategische Investoren“ seien ein Weg, Kapital aufzunehmen, ohne zu einer „Premier League 2.0“ zu werden, sagt der Sportökonom Sascha L. Schmidt von der WHU – Otto Beisheim School of Management.