KolumneDie Aldi-Krankheit

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Das Wort „Familienbande“ hat einen Beigeschmack von Wahrheit, ätzte einst der Wiener Schriftsteller Karl Kraus. Und Kurt Tucholsky meinte, Verwandte verbinde oft vor allem eine gegenseitige „grandiose Respektlosigkeit“. In der reichsten Sippe der Republik, bei den Albrechts, kann man beides in diesen Tagen verfolgen. Theo Albrecht Junior gegen seine Schwägerin Babette – das ist zu einem öffentlichen Schlagabtausch der gehässigen Sonderklasse geraten. Viel Stoff für den Boulevard.

Aber was wird aus dem Unternehmen, dem Lebensmitteldiscounter Aldi Nord? Egal wie die Gerichte am Schluss im Streit zwischen Theo und Babette Albrecht entscheiden – am Schluss dürfte die Auseinandersetzung den langsamen Niedergang des lange so erfolgreichen Unternehmens einläuten. Bei anderen Konzernen, beispielsweise dem Fleischimperium der Familie Tönnies, konnte man es auch schon beobachten: Familienfirmen funktionieren nur, wenn es ein Minimum an Vertrauen unter den Gesellschaftern gibt. Bricht erst einmal der offene Streit aus, bleibt immer Verbitterung auf der einen oder anderen Seite zurück. Und Ruhe kehrt nie wieder ein.

Mit juristischen Konstruktionen allein kann man ein Familienunternehmen nicht zusammenhalten. Aldi-Mitbegründer Theo Albrecht Senior hatte viel Gehirnschmalz darauf verschwendet, eine hieb- und stichfeste Erbregelung zu konstruieren. Doch seine drei Stiftungen und der dazu gehörige verschachtelte Konzern lassen sich nur dann vernünftig führen, wenn alle Familienmitglieder mitziehen oder sich zumindest aus dem operativen Geschäft heraushalten.

…am Ende kommt alles ganz anders

Wie in anderen Fällen auch hängt das ganze Konstrukt bei Aldi-Nord letztlich eben doch an Personen – vor allem an Theo Albrecht Junior und dem langjährigen Familienanwalt Erwin Huber. Beide nähern sich ihrem siebzigsten Lebensjahr, fallen also irgendwann als Entscheider aus. Was nach ihnen kommt, kann heute niemand sagen.

In der jüngeren Unternehmensgeschichte gibt es viele ähnliche Fälle. Keiner machte sich so viele Gedanken über sein Erbe wie Reinhard Mohn bei Bertelsmann – und trotzdem kam es nach seinem Tod ganz anders. Bei Sal. Oppenheim wollte Familienpatriarch Alfred Freiherr von Oppenheim alles tun, um die 200 Jahre alte Bank im Familieneigentum zu halten. Am Schluss verspielte sein willensschwacher Sohn Christopher alles. Alle Erbverfügungen, Familienverträge und juristischen Vorgaben konnten den Niedergang nicht verhindern.

Der Tod des charismatischen Gründers bringt Familienunternehmen immer in eine Art Krise. Die einen bewältigen sie, die anderen nicht. Meist bleibt alles noch eine Weile zusammen, wenn ein Sohn oder eine Tochter im Geist des „Alten“ weiter machen. Aber spätestens danach bricht nur allzu oft die Aldi-Krankheit aus. Die Gier nach dem ganz großen Vermögen, die Lust sich endlich ganz nach eigenem Belieben zu bedienen, kann letztlich jedes noch so kluge Testament beiseite drängen.

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