BilanzskandalDie Akte Steinhoff

Seite: 5 von 7

Das Schattenreich

4. Dezember 2017: Steinhoff bestätigt, dass die Bilanz in zwei Tagen veröffentlicht werde, wenngleich vorläufig in nicht testierter Form. Tenor: Kein Grund zur Aufregung.

5. Dezember 2017: Die Konzernspitze bestellt CEO Jooste ein, um „gewisse Transaktionen, und, noch wichtiger, den Cashflow gewisser Transaktionen zu erklären“. So erinnert sich Aufsichtsratsmitglied Steve Booysen, der dem internen Prüfungsausschuss vorsteht.

Als Antwort schreibt Jooste eine SMS. „Ihr Inhalt ließ mich darauf schließen, dass es sich um eine Bestätigung der buchhalterischen Unregelmäßigkeiten handelte“, sagt Booysen. Jooste bietet an, am Abend eine Präsentation zu geben. Doch er taucht nicht auf. Stattdessen verschickt er an einige Kollegen eine E-Mail. „Hi there“, beginnt er in befremdlich fröhlichem Ton. „Ich habe ein paar große Fehler begangen und vielen unschuldigen Menschen finanzielle Verluste zugefügt.“ Er müsse „weiterziehen“, „die Konsequenzen wie ein Mann“ auf sich nehmen. Seither ist Jooste wie vom Erdboden verschluckt. Gerüchte, er habe sich nach Namibia abgesetzt, dementiert sein Anwalt.

6. Dezember 2017. Die dezimierte Steinhoff-Führung informiert über Joostes Abgang und darüber, dass die „Unregelmäßigkeiten“ umfangreicher ausfallen als vermutet. Assets im Wert von 6 Mrd. Euro stünden infrage. Pricewaterhouse-Coopers sei mit einer „unabhängigen Untersuchung“ beauftragt worden.

Der Börsenwert fällt in sich zusammen – von 13,5 auf 1,5 Mrd. Euro. Damit schmilzt auch Wieses Vermögen dahin wie Eis unter Afrikas Sonne. Um Schulden zu tilgen, sieht er sich gezwungen, Aktien zu Ramschpreisen zu verscherbeln. Wieses Anteil am Konzern sinkt von 21 Prozent auf 6,2 Prozent.

Worin genau Joostes „große Fehler“ bestanden, dazu schweigt Steinhoff bis heute. Die Konzernspitze verweist auf den PwC-Bericht, den man abwarten müsse.

7. Dezember 2017. Eine Gruppe anonymer Analysten veröffentlicht im Internet einen Report über Steinhoff. Sie nennt sich Viceroy Research Group und hat als Leerverkäufer auf den Kursverfall der Aktie gewettet. Auf 37 Seiten zeichnet sie nach, wie das Management die Bilanzen geschönt hat. In Fachkreisen wird die Analyse allseits als saubere Recherche anerkannt. (Mehr zur Rolle der Leerverkäufer im Steinhoff-Krimi hier).

Fazit: Um Erlöse hochzujazzen und Verluste zu kaschieren, habe Steinhoff ein Schattenreich unterhalten – ein Netz aus Firmen von Jooste-Vertrauten, die in der Bilanz nicht auftauchten. Wie Handelsregisterunterlagen belegen, griff die Steinhoff-Führung spätestens seit 2013 wiederholt auf solche Finanzvehikel zurück, um Firmen und Unternehmensanteile zu verschieben und damit die Bilanz aufzuhübschen.

Verschachteltes Konstrukt

Die in der Schweiz registrierte Finanzfirma Campion Capital etwa, von Steinhoff als „unabhängige Drittpartei“ dargestellt, kontrolliert als Miteigentümer und Direktor ein Mann namens Siegmar Schmidt, der Ex-Europa-Finanzchef des Konzerns. Viceroy zufolge kam Campion erstmals 2015 zum Einsatz. Damals veräußerte der Konzern für 488 Mio. Euro eine Schweizer Tochter, welche die Rechte an vielen seiner Marken hielt. Der Käufer: eine Firma, die über ein verschachteltes Konstrukt mehrheitlich Campion gehörte – zusammen mit einer direkten Steinhoff-Tochter.

Finanziert wurde der Deal durch ein Darlehen über 809 Mio. Franken, das eine andere Steinhoff-Tochter dem Käufer gewährte. Dafür verbuchte Steinhoff ausstehende Zinsen in seiner Bilanz – und schuf damit neben dem Verkaufserlös weiteres Vermögen in Millionenhöhe. Zumindest auf dem Papier.

Steinhoffs Höhenflug ermöglichte den Managern ein Luxusleben. Neben weiteren Anwesen leistete sich Pferdefan Jooste ein Grundstück in Val de Vie, einer Gated Community mit Polofeld in der Provinz Westkap. Nach dem Crash stellte er es zum Verkauf
Steinhoffs Höhenflug ermöglichte den Managern ein Luxusleben. Neben weiteren Anwesen leistete sich Pferdefan Jooste ein Grundstück in einer Gated Community mit Polofeld (Foto: Getty Images)

Auch bei einem anderen merkwürdigen Deal spielte Campion eine entscheidende Rolle. Dabei ging es um eine Finanzsparte des Billigmöbelhändlers JD, der zu Steinhoff gehört. JD Consumer Finance gibt unbesicherte Konsumentenkredite aus – wichtig, damit auch finanzschwache Kunden Möbel kaufen können und den Umsatz hochtreiben, aber ein Geschäft mit hohem Ausfallrisiko. Die Sparte schrieb dauerhaft Verluste, in einem Jahr mehr als 150 Mio. Euro.

Am letzten Tag des Geschäftsjahres 2014 meldete Steinhoff Vollzug: Man habe für JD Consumer Finance ein Kaufangebot der Bank BNP Paribas erhalten. Umgehend verschwand die Problemsparte aus der Konzernbilanz – obwohl der Verkauf letztlich platzte. Jooste musste einen anderen Abnehmer finden. Und siehe da: Wieder war es Campion, die Anfang 2016 über eine komplizierte Struktur 250 Mio. Euro hinlegte.

Für andere Operationen – etwa den Kauf der defizitären österreichischen Möbelkette Kika-Leiner – nutzten die Finanzjongleure ein Vehikel namens Genesis Investment Holding. Auch dahinter stand Ex-Steinhoff-Manager Schmidt.

Wie willkürlich die Verschwörer bei ihren Bilanztricks bisweilen vorgingen, belegen interne E-Mails aus dem August 2014. Das südafrikanische Portal Moneyweb hat sie im Original veröffentlicht. Darin schreibt Jooste an Schmidt: „Ich habe Genesis dafür nominiert, eine Provision/Gebühr von 130 Mio. Euro von BNP zu erhalten“ – für die Vermittlung eines Deals. Im Gegenzug möge Genesis 100 Mio. Euro an Steinhoff überweisen. Das Ziel des Buchungskarussells nennt Jooste unverblümt: Steinhoffs operative Marge solle „im Einklang mit unseren Prognosen“ ausfallen.

Und noch etwas zeigt die Korrespondenz: Die Männer wussten, dass sie mit Feuer spielten. Schmidt warnt, er könne schon wegen früherer Genesis-Transaktionen Probleme bekommen – und erinnert Jooste an „all die Bilanzen, die wir in den letzten Jahren nach oben gedrückt haben“. Der erwidert, man plane ja „aufzuräumen“. Aber: „Wenn wir jetzt abbrechen, habe ich die Sorge, dass der Rest noch schwieriger wird.“ Die Manipulationen hatten sich offenbar längst verselbstständigt. Auf Anfrage wollte sich Joostes Anwalt nicht zu den Mails äußern, Schmidts Anwalt reagierte nicht.