BilligfliegerDicke Luft bei Eurowings

"Die Statistik zeigt klar: Eurowings hat ein Problem"Eurowings

7:35 Uhr an einem Sonntag im Juni: Eurowings-Flug EW 7377 von Jersey nach Hamburg sollte jetzt eigentlich starten. Doch am Flughafen ist keine Maschine zu sehen, am Schalter rührt sich nichts. Erst um kurz nach 9 Uhr erhalten die Passagiere eine SMS: Eurowings hat den Flug annulliert. Die nächste Verbindung nach Deutschland bietet die Linie erst drei Tage später an.

0:53 Uhr an einem Juni-Dienstag: Eurowings-Flug EW 7887 aus Rom, der planmäßig am Montag um 18:00 Uhr ankommen sollte, setzt zum Landeanflug auf den Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel an. Doch wegen des Nachtflugverbots verweigert der Lärmschutzbeauftragte die Landung. Der Pilot startet durch – und setzt seine Passagiere mitten in der Nacht in Hannover ab.

7:52 Uhr an einem Juni-Donnerstag: Bis zum Start von Eurowings-Flug EW 8071 von Köln-Bonn nach Berlin-Tegel bleiben acht Minuten, als das Bodenpersonal den am Gate wartenden Passagieren mitteilt, dass die Crew noch fehlt. Um 8:21 Uhr heißt es, nun fehle ein Ersatzteil. Als der Flug kurz darauf gestrichen wird, wollen Passagiere auf einen Flug der Eurowings-Mutter Lufthansa nach Tegel umbuchen. Die Airline verweigert das mit der Begründung, man dürfe nicht auf Fremdlinien umbuchen, außerdem gebe es ja eine andere Eurowings-Maschine nach Berlin – in zehn Stunden.

Was ist los bei Eurowings?

Hunderttausende Geschäftsreisende und Urlauber sind inzwischen von Verspätungen und Ausfällen betroffen. Berichte entnervter Kunden, die wichtige Termine verpasst haben oder den Urlaub mit der ganzen Familie erst Tage später antreten konnten, bestimmen seit Wochen die Schlagzeilen rund um die Low-Cost-Tochter der Lufthansa.

Von Neujahr bis Mitte Juni annullierte „die am schnellsten wachsende Airline Europas“ (Eurowings über Eurowings) 2.585 Flüge – zwölfmal mehr als im gleichen Zeitraum 2017. Dazu verfünffachte sich die Zahl der massiv verspäteten Maschinen, wie das Fluggastrechteportal EUclaim ermittelt hat.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr
Lufthansa-Chef Carsten Spohr

Und mit jeder neuen Stornierung verfestigt sich der Eindruck, dass hinter dem Chaos bei Eurowings System steckt. Dass nicht unglückliche Zufälle und widrige Umstände die Schwierigkeiten verursachen, wie es der Konzern nach außen gern darstellt, sondern hausgemachte Probleme. Eins davon ist die hindernisreiche Übernahme von Teilen des insolventen Konkurrenten Air Berlin, ein anderes die Wildwuchsstruktur der rapide expandierenden, aus lauter eingeschränkt kompatiblen Teilfluglinien zusammengesetzten Airline. Und schließlich ist da noch der Mutterkonzern Lufthansa mit seinem Chef Carsten Spohr, dessen überbordender Ehrgeiz vor Eurowings nicht Halt macht.

Die verschwundene Straße

Michael Knitter war selbst einmal Pilot. Der Rheinländer, 52, groß, schlank, kurz geschorenes graues Haar, ist heute in der Eurowings-Geschäftsführung für den Flugbetrieb zuständig. „Ende Mai brach die Katastrophe über uns herein“, sagt er im Capital-Gespräch.

Michael Knitter, Chief Operating Officer Eurowings
Michael Knitter, Chief Operating Officer Eurowings

Sein Büro hat Knitter in der Eurowings-Zentrale am Flughafen Köln/Bonn, einem schmucklosen, grauen Containerbau, dessen Adresse bis vor wenigen Monaten noch „Germanwings-Straße“ lautete – nach der Gesellschaft, die 2009 hier eingezogen war. Knitters Arbeitgeber benannte sich vor drei Jahren in Eurowings um, die Straße aber trägt mittlerweile wieder ihren ursprünglichen Namen: Waldstraße. Offenbar wollte die Stadt nicht das Risiko eingehen, beim nächsten Spohr-Geistesblitz erneut die Beschilderung austauschen zu müssen.

In der Waldstraße also durchlebte Knitter die angespannten Monate, die hinter ihm liegen. Durch Fluglotsenstreiks, Unwetter und Staus im Luftraum, sagt er, seien die Abflugzeiten für manche Flüge über den Tag verteilt bis zu zehnmal vor- und zurückgeschoben worden. „Da sind wir komplett aus der Kurve geflogen“, gesteht der Chief Operating Officer. „Das konnte ich nicht mehr puffern.“

Da sind wir komplet aus der Kurve geflogen

Michael Knitter, Chief Operating Officer Eurowings

Zum ersten Mal komplett über den Haufen geworfen wurden Knitters Planungen im vergangenen Dezember – durch die vertrackte Air-Berlin-Geschichte. Dabei hatten sich bei Eurowings erst alle die Hände gerieben, als der Rivale im Sommer 2017 pleiteging. Einen Großteil der Air-Berlin-Maschinen wollte Lufthansa-Chef Carsten Spohr damals seiner Low-Cost-Sparte zuschanzen. Doch mit seinem Plan blitzte er bei der EU ab: Zwar konnte die Lufthansa-Gruppe 77 zum Teil ältere und kleinere Maschinen aus der Insolvenzmasse schlucken, doch ausgerechnet das Sahnestück, die Air-Berlin-Charterflugeinheit Niki, durfte Spohr nach einem Veto der Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager nicht übernehmen.