Interview„Deutschland braucht einen überzeugenden Zukunftsentwurf“

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Stichwort „Autonomes Fahren“. Das wurde doch eigentlich in den 80er-Jahren von Daimler vorangetrieben. Ein klassisches Beispiel, wo man sich wundert, warum Google und andere in Amerika vor ein paar Jahren das Thema besetzt und groß gemacht haben, obwohl die reine technische Innovation eigentlich schon vor langer Zeit aus der deutsche Autoindustrie kam…

Die deutsche Automobilindustrie hat eine wirklich zukunftsweisende Brennstoffzellentechnik entwickelt und sich das Thema dann klein reden lassen. Die frühen Experimente und die Diskussionen darum haben im Grunde genommen dazu geführt, dass man sagte: „Die Technik lässt sich nicht wirtschaftlich umsetzen.“ Jetzt gibt es hervorragend funktionierende Brennstoffzellenautos auf der Welt: Sie kommen von asiatischen Herstellern.

Müssten wir Deutschen da manchmal ein bisschen mehr Elon Musk sein?

Elon Musk ist letztendlich vorgeprescht und hat gesagt: „Das einzige, was wirklich cool und hip ist, ist Elektro.“ Und auch deswegen ist Elektro jetzt so angesagt. Das ist kein Systemstreit mehr auf der Technologie-Ebene. Das ist ein Systemstreit auf der Marketing-Ebene. Und den beherrschen andere oftmals leider besser als wir. Und sie trauen sich mehr. Und das ist die nächste Sorge, die ich habe. Wir sind oft zu perfektionistisch. Sie kennen diesen schönen Spruch von Peter Thiel: „Wenn du das erste Mal mit Deinem Produkt auf den Markt kommst und Du schämst dich nicht, dann bist Du zu spät.“ Du musst halt auch mal früh rausgehen. Und musst Dich vielleicht dann auch mal schämen.

Gut, aber kommen wir nochmal zurück zur Grundfrage: Sind wir schon zu spät dran, im Vergleich zu Asien und Amerika?

Man kann sicherlich die nächsten Jahre noch gute Geschäfte machen. Und die Würfel sind noch nicht gefallen. Aber es gibt enorme disruptive Bedrohungen. Nehmen Sie nur einmal den Maschinenbau und stellen sich vor, irgendwann sagt ein Google mit seiner Marktmacht: „Wir launchen jetzt das Android für die Fabrik.“

Wie sähe das aus?

Eine globale Produktionsplattform, die über Standard-Schnittstellen die weltweiten Fertigungskapazitäten anschließt und integriert. Und der ich etwa sagen kann: „Ich brauche in sechs Monaten auf meinem Offshore-Windkraftfeld in der Ostsee 30 Rotorblätter für die Windturbinen. Und bitte sorgt dafür, dass diese pünktlich und in dem besten Verhältnis aus Kosten und Qualität produziert und dahin geliefert werden.“ Und Google, Alibaba oder wer auch immer betreibt die Plattform und steuert im Hintergrund die globale Supply Chain. Dann sind nicht nur die Anbieter darin Commodities, also diejenigen, die dann diese Rotorblätter fertigen, sondern auch diejenigen, die die Maschinen dafür bauen.

Und so ein Android für Fabriken könnte nicht auch aus Deutschland kommen?

Die Sache ist die: Das hat massiv mit künstlicher Intelligenz und Datenverfügbarkeit zu tun. Stellen Sie sich wie gesagt vor, es gibt irgendwann diesen großen Datensatz, der mir sagt: „Wenn Du folgendes Produkt fertigen willst, dann nimmst Du am besten folgende Supply Chain. Denn der Algorithmus hat ermittelt, dass in der Summe aus Qualität, Produktions-, Logistik- und Betriebskosten, Liefertreue und vielen weiteren Kriterien dies die beste Komposition ist.“ Dann sind Sie in einer völlig anderen Welt der Fertigung als heute. Dann geben Sie einer Plattform den Auftrag, für Sie etwas zu fertigen, Sie machen gar keine Lieferantenverträge mehr mit vielen, sondern Sie arbeiten nur noch mit einem. Und der hat kraft der Daten und künstlicher Intelligenz die beste Lösung für Sie. Und Sie wissen vielleicht gar nicht mehr, wer Ihnen das baut – das ist Ihnen im Zweifelsfall auch egal.

Wie kann man sich als deutscher Anbieter dagegen behaupten?

Entweder wir sind einfach so überlegen in der Anbindung unserer Hardware an diese Plattform. Oder wir betreiben weiterhin unsere Produktion so gut, dass der Stückkostennachteil, den wir teilweise haben, dadurch kompensiert wird. Denn der Algorithmus empfiehlt dann eben: „Macht das mal lieber in Reutlingen und nicht in Shenyang.“ Oder aber wir sind diejenigen, die die Plattform betreiben.