KommentarDeutschland ächzt in die Lockdown-Verlängerung

Bundeskanzlerin Merkel mit Berlins Regierendem Bürgermeister Müller und Bayerns Ministerpräsidenten Söder (r.): Reicht die Verlängerung des Lockdowns, um die Infektionszahlen zu drücken?dpa

Der erste Lockdown in Deutschland im Frühjahr war hart, aber erfolgreich. Der zweite „Lockdown light“, den wir nun schon einen Monat erleben, ist weniger hart und nicht erfolgreich. Das exponentielle Wachstum der Fallzahlen ist zwar gestoppt, aber sie verharren auf einem beunruhigend hohen Niveau, auch die Zahl der Todesfälle pro Tag bleibt auf Rekordhoch. Und deswegen geht es in die quälende Verlängerung bis Weihnachten, während Nachbarländer wie Frankreich oder Tschechien deutliche Erfolge verzeichnen.

Bis zu 20 Mrd. Euro, so lauteten die Schätzungen vor vier Wochen, würde der „Lockdown Light“ für den einen Monat an Wertschöpfung kosten, den Bund bis zu 15 Mrd. Euro an „Novemberhilfen“. Nun plant die Regierung weitere 17 Mrd. Euro an „Dezemberhilfen“ ein. Da alles unklar ist und viel teurer zu werden droht, wird gleich ein Puffer von 20 Mrd. Euro veranschlagt, die Neuverschuldung soll im kommenden Jahr auf 180 Mrd. Euro steigen.

Kurz gesagt: Deutschland zahlt in jeder Hinsicht einen hohen Preis – ohne wirklich ein Erfolgserlebnis zu haben. Im Gegenteil, alle scheinen immer unzufriedener: über die unklare Kommunikation, die novembernebelhafte Aussicht, die müden Appelle, die hohen Kosten, und im Hintergrund läuten Handel und Gastronomie weiter ihre Totenglöckchen. Die Läden bleiben zwar offen, der Umsatz im stationären Einzelhandel ist aber um bis zu einem Drittel eingebrochen. Das Weihnachtsgeschäft, das in diesem Jahr so existentiell ist wie nie zuvor, droht zu einem Geisterbummel zu werden.

Nur ein harter Lockdown wirkt

Macht Deutschland in der zweiten Welle etwas grundsätzlich falsch? Nun, zumindest scheinen wir nicht alles richtig zu machen.

Eine Studie des Institutes for New Economic Thinking hat noch einmal die Daten von allen Lockdowns untersucht mit der Frage, wie Länder zwischen Wirtschaftseinbruch und Todeszahlen abwägen – mit einem deutlichen Ergebnis: Lockdowns wirken, aber nur, wenn sie strikt und hart sind, und dann wirken sie schnell innerhalb von vier bis sechs Wochen. Beispiele sind Australien, Neuseeland, Island, Südkorea, Taiwan – und natürlich China.

Die Kernerkenntnis ist folgende: Kein Land kann den wirtschaftlichen Schaden verhindern, ohne zuerst die Pandemie erfolgreich zu bekämpfen. Länder, die eher versucht haben, ihre Wirtschaft zu schützen, zahlen einen höheren Preis beim Schutz des Lebens ihrer Bevölkerung – ohne wirklich die Pandemie im Griff zu haben. Und: „Diejenigen, die die Reaktion verzögerten oder zwischen den Strategien schwankten“, so die Studienautoren, „leiden unter dem schlimmsten der beiden Extreme“. Sie würden in einer „katastrophalen Rückkopplungsschleife gefangen“, da sie immer mehr investieren müssen – während die Fallzahlen steigen und die Wirtschaftsleistung sinkt. Am Ende steht irgendwann doch ein viel härterer Lockdown – ein abschreckendes Beispiel ist Großbritannien.

Wer also am Anfang gleich den Hammer rausholt und vor allem durchhält, kommt in eine positive Rückkopplung: Der Einbruch ist tief, aber die Wirtschaft kann sich schnell erholen. Bis vor wenigen Wochen sah es so aus, als ob Deutschland genau das gelungen sei. Im dritten Quartal war die Wirtschaft, nach dem historischen Absturz, um 8,5 Prozent gewachsen. Das Jahr 2020 schien weitaus weniger schlimm und versöhnlicher zu enden, besser als fast jedes Szenario, das im Frühjahr gezeichnet worden war. Nun erwartet uns im vierten Quartal Stagnation oder ein erneuter starker Rückgang, und in den Halbsätzen, mit denen wir die ewigen Szenarien ausmalen, ersetzt immer öfter der Zusatz „bis März“ das „bis Weihnachten“.

Eine riskante Wette

Wirtschaftlich sind wir natürlich weit davon entfernt, in einer negativen Rückkopplungsschleife gefangen zu sein. Aber der deutsche Staat muss immer mehr Geld ausgeben, um den Ausfall der Wertschöpfung zu kompensieren, ohne wirklich Entwarnung geben zu können. Vielleicht gehen wir unbewusst eine große Wette ein, dass wir uns Zeit kaufen, bis der Impfstoff verteilt werden kann. Anders gesagt: Wir „managen“ ein Infektionsgeschehen von 15.000 bis 20.000 neuen Fällen pro Tag, in der Hoffnung, dass das Gesundheitssystem diesem standhält (noch immer haben ja vier von zehn Krankenhäusern freie Kapazitäten, nur 14 Prozent sind ausgelastet).

Es ist eine riskante Wette. So diffus das Infektionsgeschehen ist, so diffus ist die Motiv- und Gefühlslage unseres Verhaltens. Sind wir zu leichtsinnig, selbstsicher und selbstzufrieden oder nur erschöpft, genervt und gereizt? Zumindest haben der breite Konsens und die vorherrschende Vernunft, die Grundlage für den Erfolg im Frühjahr waren, Risse bekommen. Es knirscht und quietscht an allen Ecken und Enden, wir lauschen Botschaften, die keiner mehr hören will, verhakeln uns in Kontaktregeln, die bis in jede Tannenspitze des Christbaums regulieren sollen, was nicht zu kontrollieren ist – und schütten weiter alles mit Geld zu. Die Folge des fehlenden Überbaus ist Stagnation, Ratlosigkeit und weitere Erschöpfung. Zumindest emotional drohen wir in die negative Rückkopplungsschleife zu geraten.

 


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