ReportageAngriff der Telekom

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Start in der Slowakei

Den Anfang machte die Tochter Slovak Telekom. Ein erster Testballon in einem kleinen Markt, aber mit vielen technikbegeisterten jungen Kunden. Klingelt bei ihnen das Telefon, wird das Gespräch von nun an etwa auch an den Schreibtischcomputer weitergeleitet, an dem der Angerufene gerade arbeitet. Bricht bei einer Videokonferenz die Verbindung ab, weil das Internet irgendwo schlappmacht, schaltet Immmr sofort auf Handyverbindung um – so kann man sich wenigstens weiter unterhalten, ohne Extrakosten. Oder umgekehrt: Gibt es in Gebäuden keinen Handyempfang, dann übernimmt das Büro-WLAN den Gesprächstransport.

Dank des Zusammenspiels von Software im Smartphone und einem computerisierten „intelligenten“ Telekomnetz ist man so über alle Kanäle erreichbar. Und – im Unterscheid zu Whatsapp und Co – kann man auch mit allen sprechen: selbst jenen, die keine Software extra installiert oder nur einen Festnetzanschluss zu Hause haben. Hauptsache, sie besitzen eine Telefonnummer. Weiterer Nebeneffekt: Überall im Ausland lassen sich so die teuren Aufschläge, die Roaminggebühren, umgehen.

Wenn der neue Service in der Slowakei funktioniert, soll der Dienst demnächst auch in Kroatien und später bei anderen Telekom-Töchtern eingeführt werden. Und irgendwann ist auch Deutschland dran. „Immmr ist ein globales Produkt, mit dem wir weltweit Telekomdienste anbieten können“, sagt Telekomvorstand Nemat.

Der Weg dahin ist jedoch weit. Er führt über viele Umwege. Nicht nur über „Workarounds“, wie Programmierer Software-Brücken nennen, die Code-Teile verbinden, die eigentlich gar nicht verbunden werden können. Es geht auch um attraktives App-Design, um geschicktes Marketing. Vor allem aber um Schnelligkeit, Organisation. Um Arbeitsweisen, die eine Revolution für Konzerne wie die Telekom bedeuten, etwa um gnadenlose Offenheit.

„Ich hatte nie Lust auf einen Großkonzern“, bekennt Marten Schönherr. Er kommt im Sweatshirt zur Arbeit, sein Designerrad trägt er jeden Morgen über die Schulter gelegt ins Büro. Der 46-Jährige ist Technikchef bei Immmr. Er gehört zu den drei Gründern des Start-ups, das die Telekom auf sein Betreiben hin aus ihrer Berliner Innovationsschmiede T-Labs herausgelöst hat.

In einem kleinen Büro, nur durch eine Glasscheibe von dem weitläufigen Loft der Entwickler getrennt, spricht Schönherr Klartext: „Wir gehören zu einer altmodischen Industrie“, sagt er. Sich mit einer Führungskraft des Mutterkonzerns zu unterhalten, sei mitunter so, als würde man „mit einem VW-Manager über Elektroautos“ diskutieren.

Grafik Nutzer von Messenger-, Sprach- und Videodiensten

Kurze Mittagspause, beim Thai um die Ecke. „Es wird schwierig für uns“, meint einer am Stehtisch, während der Wind über das grüne Curry fegt. „Vor allem wissen wir nicht, was die anderen machen.“ Google, Facebook, Apple. „Die entwickeln ja auch weiter.“ Viel Zeit für Selbstzweifel bleibt allerdings nicht. Es geht im Büro gleich weiter: Teammeeting folgt auf Teammeeting, Abstimmung auf Abstimmung.

Etwa bei Christoph Henzelmann. Er ist für die Smartphone-Software verantwortlich. Als Erstes holt der App-Spezialist das Team für Apples iOS in einem kleinen Raum zusammen. Auf einem Monitor erscheinen Crashreports von der Software, Codezeilen. Anschließend kommt das „Time-Boxing“: Mit Spielkarten, auf denen Zahlen aufgedruckt sind, stimmen alle ab, wie viel Zeit für jede Aufgabe veranschlagt werden soll. Henzelmann hat das letzte Wort.

Dann ist das Android-Team dran. Wieder stehen sechs Notebooks auf dem Tisch, diesmal ohne Apfel-Logo. Die Entwickler sind älter, meist aus Osteuropa. Die ­Runde sieht aus wie aus einem ­Kusturica-Film. Die Liste der Aufgaben ist lang. Henzelmann treibt das fehlerfreie Anpassen des Startbildschirms um: „Es gibt bei An­droid dutzende Bildschirmgrößen. Das muss überall funktionieren.“

Statt, wie üblich in Konzernen, nach halbjährlichen Zielen tickt Immmr im Rhythmus 14-täglicher Sprints, Reviews und ständiger Team- und Crossteam-Konferenzen. Statt Konzern-Meilensteinen zählt „agiles Arbeiten“ – das aus der Internetbranche in die reale Welt schwappt. Nichts wird zu Ende entwickelt, alles wird erst einmal ausprobiert, getestet, ein paar Kunden präsentiert, um danach weiter perfektioniert – oder gleich vergessen – zu werden.

Marten Schönherr
Telekom ganz neu: Marten Schönherr ist einer der Gründer von Immmr und heute Technikchef des Start-ups
© Jan Philip Welchering

Kritik muss man aushalten

Das sind starke Worte. Kritik gehört für Schönherr dazu. Seine ganze Arbeit, so scheint’s, dreht sich um Widerspruch und Diskussion.

So wie an einem Mittwoch vor einigen Monaten: Draußen ist es noch kalt, keine zehn Grad, trotzdem sind die Fenster weit aufgerissen. Rund 60 Leute, fast die ganze Belegschaft, sitzen auf Bierbänken, in poppig-bunten Sesseln oder gleich auf dem Holzboden, viele mit Macbooks auf dem Schoß. Die meisten sind Mitte 20, Anfang 30.

Jeder Mitarbeiter kann sich bei Immmr seine Arbeit selbst einteilen. Nur jeden zweiten Mittwoch, besteht Präsenzpflicht, zur „Review“.

Im Stakkato treten drei Stunden am Stück alle Teams an. Es geht um Datenbank-Synchronisationen, einheitliches Design von Bedienoberflächen; um Codezeilen, die auf einem großen Flachbildschirm aufleuchten und für Diskussionen sorgen.

Für die Sprecher tickt die Stoppuhr: Selten haben sie mehr als fünf Minuten. Die Führungsriege sitzt in der Mitte des Raums an einem Konferenztisch. Neun Köpfe, einige mit Pferdeschwänzen, andere mit bunt-gefärbten Haaren; gekleidet in Hoodies oder T-Shirts. Viele Bartträger sind darunter, so, wie es sich für die Hipster-Hauptstadt Berlin gehört. Nur einer, ein Manager der Telekom, trägt Sakko.

Sie stellen viele Fragen, geben Arbeitsaufträge. Und sind nervös: Es ist kein halbes Jahr mehr bis zum Marktstart. Und die Vorversion der Software hinkt Wochen hinter dem Zeitplan hinterher. „Alle Softwarekorrekturen müssen morgen fertig sein“, sagt Marten Schönherr. Die 20 Tester der slowakischen Telekom in Bratislava könnten nicht länger warten. „Heute Abend gibt’s Bier!“, schließt er die Runde.