KommentarDeutsche Konjunktur auf Abwegen?


Folker Hellmeyer ist Chefanalyst der Bremer LandesbankFolker Hellmeyer ist Chefanalyst der Bremer Landesbank


Die zuletzt veröffentlichten Daten zur deutschen Wirtschaftsleistung und auch andere Indikatoren waren überwiegend ernüchternd und sind geeignet, Sorgen hinsichtlich der weiteren Konjunkturentwicklung zu begründen. Man darf zu Recht die Frage stellen, ob die deutsche Konjunktur sich mittelfristig dem Risiko aussetzt, auf Abwege abzugleiten.

Eine Kontraktion des BIP um 0,2 Prozent im zweiten Quartal 2014 hatten die Marktteilnehmer nicht erwartet. Belastungen des deutschen BIP ergaben sich unter anderem durch den Außenhandel. Auch die Bauwirtschaft trug durch Vorzieheffekte dank der milden Wetterlage im ersten Quartal zum Minus im Folgequartal bei. Der Konsum sowohl der privaten Haushalte als auch der öffentlichen Hand lieferte dagegen positive Wachstumsbeiträge.

In einer isolierten Betrachtung ist es zulässig die Kontraktion des zweiten Quartals als eine Reaktion auf das starke Wachstum des ersten Quartals mit einem Anstieg des BIP um 0,7 Prozent zu interpretieren.

Entscheidend ist jetzt, wie die weiteren Rahmenbedingungen für die deutsche Konjunktur aussehen. Dabei spielen im aktuellen Umfeld neben der Frage der Verfassung der europäischen Reformländer, der Verfassung der europäischen Reformverweigerer, der Interventionshaltung der EZB und der globalen Konjunkturlage geopolitische Aspekte eine hervorgehobene Rolle. Hinsichtlich der Nachhaltigkeit der künftigen Konjunkturlage muss auch die Frage nach dem deutschen Reformpfad gestellt werden.

Reformverweigerer sind ein Risiko für die Exportwirtschaft

Im zweiten Quartal lieferten die Reformländer Irland, Spanien, Portugal und sogar Griechenland positive Wachstumsbeiträge innerhalb der Eurozone. Hier zieht die These, die Aristoteles vor 2350 Jahren aufstellte, dass Strukturreformen konjunkturelle Folgen zeitigen, die sich im weiteren Verlauf auf die Haushalte auswirken. Deutschland hatte diese Erfahrung mit der Agenda 2010 gemacht. Die Performance der europäischen Reformländer unterstützt die deutsche Konjunktur.

Die Verweigerer nachhaltiger Reformen, insbesondere bei Arbeitsmarkt und Administration, Italien (BIP 2. Quartal -0,2 Prozent) und Frankreich (BIP 2. Quartal 0,0 Prozent) stellen wegen ihrer hohen ökonomischen Bedeutung innerhalb der Eurozone ein latentes Risiko für die Exportwirtschaft Deutschlands, aber auch für die Eurozone an sich dar.

Die aktuelle Intervention der EZB mit einer erneuten Zinssenkung und der Ankündigung quantitativer Maßnahmen in nicht definierter Höhe und Breite ab Oktober liefert grundsätzlich Entspannungssignale für die künftige Konjunkturlage Deutschlands und der Eurozone in ihrer Gesamtheit. Dabei ist die Zinssenkung von unwesentlicher Bedeutung. Die quantitativen Maßnahmen werden mittelfristig zu einer Entlastung der Bankbilanzen führen. Das eröffnet Räume für verstärkte Kreditvergabe und in der Folge positiver Konjunkturimpulse. Vor den Ergebnissen des „Asset Quality Review“ und des Bankenstresstests wird sich jedoch keine quantitative Veränderung in der Kreditvergabe ergeben.

Entscheidender ist bei der aktuellen Runde der EZB-Interventionspolitik die am Devisenmarkt erzielte Wirkung. Der Euro verliert international an Boden. Gegenüber dem US-Dollar hat sich eine Abwertung im laufenden Jahr von knapp 1,40 auf aktuell 1,29 ergeben. Mit dieser Abwertung erhöht sich die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Produkte an den internationalen Märkten. Die daraus resultierenden Wachstumsimpulse wirken kurzfristig.