KolumneDer unflotte Dreier der Deutschen Bank

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Organisatorisch gab es bei der Deutschen Bank schon alles – und das Gegenteil von allem. Mal stand an der Spitze des Instituts ein Vorstandssprecher als bloßer Primus inter Pares, mal ein übermächtiger CEO nach amerikanischem Vorbild. Auch das Modell König und Kronprinz gab es schon einmal im Vorstand der Bank. Eines aber gab es in der 146jährigen Geschichte wirklich noch niemals: einen Chef mit zwei Vize-Chefs wie jetzt. Und um es gleich vorweg zu sagen: Die Ernennung von Christian Sewing und Marcus Schenck zu Stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden ist keine gute Idee.

Dafür gibt es viele Gründe: Erstens macht die Entscheidung des Aufsichtsrats Vorstandschef John Cryan ab sofort zur lahmen Ente; innerhalb und außerhalb der Deutschen Bank schießen bereits die Spekulationen über seinen vorzeitigen Abschied ins Kraut. Diese Unruhe kann das Kreditinstitut in seiner jetzigen schwierigen Lage gebrauchen wie einen Kropf.

Zweitens schafft das neue Tableau eine Art Übervorstand innerhalb des elfköpfigen Gesamtvorstands. Dabei kann man die Schwierigkeiten des Gremiums, überhaupt erst zusammenzuwachsen, mit Händen greifen. Die Vorstandsmitglieder, die aus sehr unterschiedlichen Ländern und Unternehmenskulturen stammen, sind im Durchschnitt kaum zwei Jahre im Amt.

Drittens schafft die neue Konstruktion eine Art Dauerwettbewerb zwischen Schenck und Sewing, die sich nun beide Hoffnungen auf das Erbe Cryans machen können. Der ehemalige Goldman-Sachs-Mann Schenck hält sich im stillen Kämmerlein wahrscheinlich ohnehin für den besseren Chef. Den 51jährigen Überflieger als ehrgeizig zu bezeichnen, wäre eine gewaltige Untertreibung.

Viertens droht bei diesem unflotten Dreier die Abwertung einer überaus wichtigen Funktion in der Bank. Bisher galt der Finanzchef (neudeutsch: CFO) als wichtigster Gegenpart des Chefs. Doch Schenck gibt dieses Amt ab. Und wer immer es besetzt, dürfte kaum über die Möglichkeit verfügen, das Spitzentrio zu einem Quartett zu erweitern.

Und last but not least: Mit Schenck als Co-Kronprinz UND künftigem Oberinvestmentbanker drohen sich die Gewichte innerhalb der Deutschen Bank erneut in Richtung auf riskante Geschäfte zu verschieben.

Achleitner sichert sich ab

Warum sich die Deutsche Bank trotzdem für das Dreier-Modell entschieden hat, kann man nur vermuten. Vorteile bringt die neue Konstruktion vor allem für Paul Achleitner, den Aufsichtsratschef. Der umstrittene Oberaufseher, ein Zögerer und Zauderer vor dem Herrn, sichert sich damit gegen alle Eventualitäten ab und vermeidet wieder einmal ein klares Votum. Schenck soll den Aufbruch nach vorn vermitteln, den Achleitner offenbar bei Cryan vermisst. Umgekehrt traut sich Achleitner aber auch nicht, auf den erfahrenen Sanierer nach kaum zwei Jahren wieder zu verzichten. Cryan soll offenbar den Umbau abschließen, bevor er sich zurückziehen darf. Und Sewing? Die Hauptfunktion des ruhigen und soliden Bankers besteht offenbar darin, den überschießenden Ehrgeiz Schencks im Zaum zu halten.

Das alles ist zu kompliziert ausgedacht, um in der Realität zu funktionieren. Ich biete die Wette an, dass die Dreierkonstruktion nicht bis 2020 hält, wenn Cryans Vertrag ausläuft.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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