KolumneDer unterbrochene Aufschwung

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Vertrauensschock in Mitteleuropa

Der eigentliche Effekt ist ein ganz anderer. Die Konjunktur lebt vom Vertrauen. Unternehmen investieren, wenn sie mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Als Weltmarktführer für hochwertige Investitionsgüter ist Deutschland von allem betroffen, was die Investitionsneigung im Inland und bei wichtigen Handelspartnern beeinträchtigt. Putins Krieg und die Unsicherheit, wie weit er gehen wird und wie der Westen darauf reagieren muss, hat offenbar einen Vertrauensschock in Mitteleuropa ausgelöst.

In einem Klima der Unsicherheit vertagen Unternehmen bei uns und in einigen unserer Nachbarländer Investitionsentscheidungen, die gar nichts mit Russland oder der Ukraine direkt zu tun haben. Während die deutsche Ausfuhr insgesamt im zweiten Quartal trotz der sich verschärfenden Ukraine-Krise sogar zulegen konnte, waren die Investitionen in Deutschland rückläufig.

Solange Putin den Krieg weiter anheizt, wird diese Unsicherheit bleiben. Solange wird die deutsche Wirtschaft nur wenig wachsen können. Sollte Putin seinen Krieg beenden, wie es die Meldungen über einen Waffenstillstand hoffen lassen, wird die Unsicherheit weichen und die deutsche Konjunktur sich kurz danach erholen können.

Putins Verhalten ist das Problem

Härtere Sanktionen gegen Russland, und vor allem das Androhen härterer Sanktionen für den Fall, das Putin seine kaum verdeckte Invasion der Ostukraine fortführen sollte, können der deutschen Konjunktur sogar nützen statt schaden. Denn wenn diese Sanktionsdrohungen die Kosten des Fehlverhaltens für Putin so erhöhen, dass er den Krieg lieber beendet, könnte der Vertrauensschock langsam abebben. Putins Verhalten ist das Problem, nicht die Sanktionen. Ändert er sein Verhalten unter dem Eindruck echter Sanktionen, zu denen im Bedarfsfall auch der öffentlichkeitswirksame Entzug der nächsten Fußballweltmeisterschaft gehören könnte, wird die Investitionsneigung deutscher Unternehmen und der ausländischen Käufer deutscher Maschinen wieder zunehmen.

Putin hat den deutschen Aufschwung nur unterbrochen. Ansonsten ist die deutsche Wirtschaft weiterhin gut aufgestellt. Der robuste Arbeitsmarkt und die zunehmenden Einkommen der Haushalte lassen einen weiteren Anstieg des privaten Verbrauchs erwarten. Die Ausfuhren können bei solider Nachfrage aus den USA, Asien und Großbritannien sowie aus Spanien und anderen Reformländern am Rande der Eurozone so zulegen, dass sie die Verluste im Handel mit Russland und der Ukraine mehr als ausgleichen.

Unter der Annahme, dass der Konflikt um die Ukraine tatsächlich innerhalb der nächsten zwei Monate abflaut, kann die deutsche Wirtschaft im kommenden Winter bereits wieder spürbar wachsen, gestützt vor allem auf ein Wiederanspringen der Investitionen. Mit Glück könnte ein unmittelbarer Waffenstillstand in der Ukraine uns sogar bereits vor Jahresende den Aufschwung zurückbringen.

Langfristig stellen sich für Deutschland natürlich weitere Fragen. Der für manche Regionen und Berufsgruppen überhöhte Mindestlohn sowie unsere hohen Energiekosten werden den Anstieg der Beschäftigung dämpfen und einige Unternehmen dazu zwingen, ihre Standorte zu verlagern. Aber da die Schäden solcher politischen Fehlentscheidungen erst langsam und über viele Jahre sichtbar werden, wird dies den konjunkturellen Aufschwung nach Abflauen der Ukraine-Krise wohl nur geringfügig dämpfen.