LongreadDer tiefe Sturz des Carlos Ghosn

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Ein Jahr nach der Festnahme auf dem Flughafen gibt es an der Spitze von Nissan ein Vakuum. Saikawa musste mit ansehen, wie die Aktie von Nissan nach Ghosns Abgang um 30 Prozent abstürzte. Mitte September wurde der Manager aus dem Amt entfernt, nachdem ihm überzogene Zahlungen nachgewiesen worden waren. Interne Rivalitäten, die in der Ära Ghosn lange unter dem Deckel gehalten worden waren, kamen jetzt zum Ausbruch. Und der heftigste Kampf tobte um die Frage, wer neuer Chef bei Nissan werden sollte.

In seinem letzten Jahr als CEO hatte Ghosn eine Liste neuer Projekte vorgestellt, die das „neue Nissan“ definieren sollten. „Als er mir die Liste zeigte, dachte ich zuerst, er macht Witze“, sagt Nissans Chefdesigner Alfonso Albaisa. „Und dann wurde mir klar: Im Grunde überholen wir unsere komplette Produktpalette.“

Bis 2022 will Nissan acht neue Elektroautos auf den Markt bringen. Zudem sollen die neuen Autos mit einer Technik ausgestattet werden, die halbautonomes Fahren ermöglicht. Doch weder Ghosn noch Saikawa werden diese Ingenieursleistungen der Welt präsentieren können.

Noch schwerer aber wiegt wohl der Umstand, dass der große Deal mit Fiat Chrysler, den Ghosn so dringend haben wollte, der Allianz nun durch die Lappen gegangen ist. „Es war wahrscheinlich eines der besten Geschäfte, die man hätte machen können“, heißt es aus dem Umfeld des Nissan-Vorstands. „Doch es kam halt anders.“

Wer einen globalen Autokonzern zu Anfang des 21. Jahrhunderts führt, muss sich mit neuen Konkurrenten beim Bau von Elektroautos, Ride-Sharing-Unternehmen wie Uber und veränderten Gewohnheiten der Kunden herumschlagen. Dafür braucht es Ehrgeiz, Visionen und Entschlossenheit. Es sind Eigenschaften, die Ghosn hat und die ihn für viele Jahre zu einem brillanten Konzernchef machten. Mit der Zeit aber ging er damit zu weit, und sein Charakter wurde von einem Vorteil zu einem Nachteil. In letzter Konsequenz brachten sie ihn zu Fall.