LongreadDer tiefe Sturz des Carlos Ghosn

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Zwei Jahre, nachdem er Mitsubishi in den Konzernverbund geholt hatte, war Ghosn zu einem der bestbezahlten Manager der Branche aufgestiegen. Im Geschäftsjahr 2017 bis 2018 verdiente er insgesamt 17 Mio. Dollar. Ghosn selbst hielt dies für völlig angemessen, auch weil er ein Angebot von General Motors abgelehnt hatte, das ihm vermutlich das Doppelte eingebracht hätte. Der einzige andere Chef eines börsennotierten japanischen Unternehmens, der damals mehr verdiente, war der damalige Sony-Chef Kazuo Hirai. Er bekam 25 Mio. Dollar.

Als die Financial Times Ghosn ein paar Monate vor seiner Festnahme fragte, ob er jemals das Gefühl gehabt habe zu viel zu verdienen, brach der in Lachen aus: „Den CEO müssen Sie mir zeigen, der sagt: Ich werde zu gut bezahlt. Es ist ja nicht meine Entscheidung, der Aufsichtsrat ist da völlig eigenständig.“

Ghosns Vergütung und die Dutzenden Millionen Dollar, die er im Ruhestand bekommen sollte, stehen jetzt im Mittelpunkt der Ermittlungen. Insgesamt geht es um vier zentrale Anschuldigungen. In zweien davon wird ihm vorgeworfen, er habe eine nachgeholte Vergütung von 80 Mio. Dollar, die er für einen Zeitraum bis März 2018 bekommen sollte, nicht ordnungsgemäß angegeben. Seine Anwälte argumentieren, Nissan habe sich zu dieser Zahlung nie verpflichtet. Ihr Mandat habe kein Geld bekommen, dass nicht in den Berichten aufgeführt worden sei.

Im September 2019 einigte sich Ghosn mit der US-Börsenaufsicht SEC auf eine Zahlung von 1 Mio. Dollar. Damit sollten Vorwürfe begraben werden, er habe mehr als 140 Mio. Dollar seines Vergütungspakets bei Nissan nicht korrekt ausgewiesen. Ghosn hat die Vorwürfe weder bestätigt noch zurückgewiesen. Und doch schwäche „die Einigung mit der SEC seine Behauptung, dass er reingelegt wurde“, sagt Yasuyuki Takai, früherer Staatsanwalt und heutiger Verteidiger.

In einem Untreue-Vorwurf geht es um eine private Anlagefirma, deren einzige Aufgabe es war, Ghosns in japanischen Yen ausgezahltes Einkommen zu verwalten. Die Staatsanwälte gehen davon aus, dass diese Firma auf dem Höhepunkt der Finanzkrise Verluste aus Derivate-Geschäften in Höhe von umgerechnet 16,7 Mio. Dollar auf Nissan abzuwälzen versuchte.

Zudem besteht der Verdacht, dass Ghosn in mehreren über vier Jahre verteilten Tranchen 14,7 Mio. Dollar von einem Nissan-Ableger auf das Konto der Firma eines saudischen Freundes leitete. Ghosns Anwälte halten jeweils dagegen: Die Währungsgeschäfte hätten keinen Verlust für Nissan bedeutet und Gelder an andere Firmen seien im Gegenzug für „legitime und wichtige Dienstleistungen“ für die Unternehmensgruppe gezahlt worden.

Der für Ghosn vielleicht gefährlichste Vorwurf kam im April 2019 auf: Der Manager habe, so die Staatsanwaltschaft, fünf Mio. Dollar von Nissan abgezweigt und an Firmen weitergeleitet, die Verbindungen zu ihm oder seiner Familie hatten. Die Namen der Unternehmen wurden nicht genannt. Allerdings geht aus einer internen Ermittlung hervor, dass zwischen 2011 und 2018 35 Mio. Dollar an eine Firma namens Suhail Bahwan Automobiles (SBA) im Oman gingen, die mit einem Freund Ghosns in Verbindung steht. Ein Teil dieses Geldes soll Eingeweihten zufolge entweder in ein Unternehmen investiert worden sein, das zum Teil Ghosns Sohn gehörte – oder in den Kauf einer Luxus-Yacht für das Unternehmen seiner Frau.

Ghosn gibt an, die Zahlungen an SBA seien „rechtmäßige Verkaufs- und Marketing-Boni“ gewesen, die von mehreren Nissan-Managern überprüft und genehmigt worden seien. Zudem sei das Geld nie ihm oder Mitgliedern seiner Familie zugute gekommen. Fachleute erwarten allerdings, dass im Prozess die Frage aufkommen wird, warum der Chef des komplexesten Autokonzerns der Welt unbedingt noch mehrere Unternehmen mit Sitz im Libanon brauchte.

Im Jahr 2016 ernannte Ghosn Hiroto Saikawa zum Co-Chef bei Nissan. Er hoffte, damit einen Mitstreiter zu gewinnen, der sich in jeder Lage loyal verhalten würde. Doch schon im Sommer 2018 zeigten sich die ersten Unstimmigkeiten. Das Unternehmen schwächelte, vor allem im immens wichtigen US-Markt. Saikawa versuchte, sich von den weitreichenden Expansionszielen seines Chefs zu distanzieren. Zum endgültigen Bruch aber kam es, als das Duo über die Zukunft der Allianz in Streit geriet. Seit Anfang 2018 hatte Ghosn, auch unter Druck der französischen Regierung, eine tiefere Integration der Unternehmen vorangetrieben. Mehrere Nissan-Manager aber, zu denen auch Saikawa gehörte, wiesen darauf hin, dass das japanische Unternehmen für eine volle Vereinigung nicht bereit sei. Sie fürchteten eine Übernahme durch die Franzosen und versuchten stattdessen eine Struktur aufzubauen, in der Nissan nur einen nicht stimmberechtigten Anteil von 15 Prozent am französischen Partner halten würde.

An den Diskussionen war auch Hari Nada beteiligt, der Leiter von Nissans Rechtsabteilung, der als enger Mitarbeiter Ghosns dessen Vertrauen erworben hatte. Doch Nada hatte auch ein geheimes Team aufgebaut, das das Finanzgebaren des Chefs unter die Lupe nehmen sollte.  Im Sommer 2018 einigte sich Nada mit der Staatsanwaltschaft Tokio auf einen Deal und lieferte wichtige Informationen, die dazu dienten, die Vorwürfe gegen Ghosn zu untermauern.

Ghosns Unterstützer sehen in all dem Anzeichen für eine düstere Verschwörung zwischen der Staatsanwaltschaft, der japanischen Regierung und Nissan. Die Justiz, so wird gemunkelt, werde genutzt, um einen Ausländer zu erledigen und ein Unternehmen unter Kontrolle zu bekommen. Die harschen Bedingungen, denen Ghosn nach seiner Festnahme ausgesetzt war, sind geeignet, diesen Verdacht zu unterfüttern – von der langen Zeit im Gefängnis bis hin zu dem Verbot, mit seiner Frau Kontakt aufzunehmen.

Aus dem Umfeld von Ghosns einstigem Co-Chef Saikawa heißt es, er habe lange Zeit nichts über die interne Ermittlung gegen Ghosn gewusst. Seine Kooperation mit Nada habe vor allem zum Ziel gehabt, den Chef von einer Fusion zwischen ungleichen Partnern abzubringen.

In den Wochen vor der Festnahme Ghosns schlug Nada mehreren Nissan-Managern vor, das japanische Wirtschaftsministerium METI zur Unterstützung heranzuziehen. Dessen Beamte hatten sich zuvor besorgt angesichts des Stils gezeigt, mit dem Paris in den Fusionsverhandlungen vorging. Bei Nissan glaubten einige, Tokio könne dabei helfen, Ghosn zu „neutralisieren“. „Es war praktisch für Nissan, sich die Hilfe der Regierung zu sichern“, heißt es aus japanischen Regierungskreisen. „Das gab ihrem Vorgehen mehr Legitimität.“

Ghosns Anwälte sprechen von einer „rechtswidrifen Zusammenarbeit von Staatsanwälten, regierungsbeamten von METI und Nissan-Managern“, die zum Ziel gehabt habe, Ghosn „von einer weiteren Verflechtung von Nissan und Renault abzubringen“. Der Grund: Es habe die Autonomie eines Platzhirschen der japanischen Industrie auf dem Spiel gestanden.

Von Nissan-Mann Nada war kein Kommentar zu diesen Vorgängen zu bekommen. METI-Beamte sagen, sie hätten sich in die Gespräche über die Fusion zwischen Renault und Nissan nie eingemischt und auch mit der Festnahme Ghosns nichts zu tun gehabt. Nissan selbst lehnte eine Stellungnahme zu den juristischen Verfahren ab.

Ein Prozess dürfte einige Fragen klären, aber sicher bei weitem nicht alle. Denn, wie es aus dem Umfeld der Staatsanwaltschaft heißt: Es geht hier um einen außergewöhnlichen Fall, geboren aus der außergewöhnlichen Stellung, die Ghosn im Herzen der japanischen Geschäftswelt erlangt hatte.