KolumneDer Selbstherrscher von Siemens

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Nun geht bei Siemens also auch noch Siegfried Russwurm, wie viele andere Leistungsträger vor ihm. Oder sollte man besser sagen: Er wird gegangen? Aber ganz egal, ob das letzte Signal von dem allseits geachteten Vorstandsmitglied selbst kam oder von seinem Boss Josef Kaeser. Auf jeden Fall wird der Siemens-Chef seinen letzten wichtigen Widersacher im Konzern los. Russwurm stand in dem Münchner Unternehmen für alles, für das Kaeser nicht steht: Für Teamgeist statt für Selbstherrlichkeit, für Bescheidenheit statt für Egomanie, für technische Kompetenz statt für finanzielle Tricksereien. Was Siemens heute im Industriegeschäft ist, verdankt Siemens nicht zuletzt Russwurm. Einen solchen Mann gehen zu lassen oder gar aus dem Unternehmen zu drängen, grenzt an Pflichtvergessenheit gegenüber den Aktionären.

In vielen Konzernen gilt der Finanzchef als zweitmächtigster Mann nach dem CEO. Doch Kaeser sorgte bei Siemens dafür, dass ein schwaches Eigengewächs auf diesen Posten kam. So rückte Russwurm in den letzten Jahren quasi automatisch auf Platz zwei der Konzernhierarchie. Und das nicht durch formale Zuständigkeiten oder gar Titel, sondern durch seine Arbeit. Seit ihm Kaeser vor einiger Zeit die Zuständigkeit für den Industriebereich genommen hatte, kümmerte sich der studierte Ingenieur um Forschung und Technologie. Und um den bereits halb ausgegliederten Bereich, der für die höchsten Profite bei Siemens sorgt: die Medizinsparte.

Kaeser muss keine Widerworte mehr befürchten

Von seinem ganzen Habitus her war Russwurm ein Mann, der mit Kaesers Drang zur ständigen Selbstdarstellung geradezu zwangsläufig in Konflikt geraten musste. So kam es denn auch. Für viele bei Siemens war Russwurm so etwas wie die letzte Hoffnung, den Selbstherrscher Kaeser irgendwie doch noch im Zaum zu halten. In der deutschen Belegschaft reagieren deshalb viele schockiert auf den Abgang Russwurms.

Kaeser muss nun bei Siemens keine Widerworte mehr befürchten. Die meisten Vorstandsmitglieder verfügen, anders als Russwurm, über keine Hausmacht im Konzern. Sie verdanken ihre Karriere Kaeser und dienten vor ihrer Berufung in den Vorstand in seinem direkten Umfeld. Das gilt zum Beispiel für Finanzvorstand Ralf Thomas oder die Personalchefin Janina Kugel. Und auch den Aufsichtsrat muss Kaeser nicht fürchten. Sein Chef Jürgen Cromme konzentriert seine ganze Energie darauf, sich möglichst lange in seinem letzten bedeutenden Amt in der deutschen Wirtschaft zu halten.

Einige Siemens-Sparten schwächeln weiter

Kaesers Anhänger verweisen gern auf die starken Zahlen, die Siemens in letzter Zeit vorlegen konnte. Doch das eine oder andere gute Jahr gab es bei Siemens in der Vergangenheit immer wieder. Ob sich der Konzern wirklich, wie von Kaeser versprochen, auf einem nachhaltigen Wachstumspfad befindet, kann man frühestens in zwei, drei Jahren sagen. Einige spektakuläre Großaufträge – vor allem das Turbinengeschäft mit Ägypten – verzerren die Bilanz erheblich. Und einige Geschäftsbereiche schwächeln weiter.

Kaeser will den Beweis antreten, dass man einen Konzern autokratisch und allein von oben auf Gewinnkurs zwingen kann. Das wollten andere Chefs schon vor ihm – zuletzt Martin Winterkorn bei VW. Die Folgen kennt man.

Um Siegfried Russwurm muss man sich keine Sorgen machen: die Angebote für ihn dürften sich stapeln. Wohl aber muss man sich seit letzten Freitag um Siemens Sorgen machen.

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