KolumneDer Realitätsverlust der Deutschen Bank

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Wer im Juli 2015 im Vertrauen auf den neuen Vorstandschef John Cryan Aktien der Deutschen Bank gekauft hat, verbuchte bis heute einen Verlust von etwa 40 Prozent. Das Kreditinstitut machte 2015, 2016 und 2017 unterm Strich Verluste. Die Kosten des Bankbetriebs (Fachausdruck: cost-income-ratio) liegen immer noch, wie 2014 vor dem Antritt des Briten, bei rund 85 Prozent der Erlöse. Manche Konkurrenten kommen auf 60 oder 70 Prozent.

Und wie schildern die Spitzenmanager der Deutschen Bank die Lage? Es habe sich „schon viel verbessert“, man habe in „allen Geschäftsbereichen große Erfolge“ erzielt, das „Thema Kosten“ habe eine „hohe Priorität“, leider liege man bei den Erlösen aber „noch nicht am oberen Ende“. So die beiden Vize-Chefs der Deutschen Bank, Marcus Schenck und Christian Sewing, am vergangenen Freitag im „Handelsblatt“.

Selten haben sich zwei Kronprinzen so um ihre berufliche Zukunft schwadroniert wie die beiden Manager in diesem Interview. Schon vorher waren viele Investoren skeptisch, ob Schenck und Sewing die richtigen Leute seien, um Cryan demnächst zu beerben. Spätestens seit diesem Gespräch aber muss man nüchtern feststellen: Sie sind es nicht. Offenbar leiden die beiden Manager unter Realitätsverlust, anders kann man es nicht sagen.

Die Deutsche Bank spielt nicht mehr in der Spitzenliga

Beide haben sich in den letzten Wochen dafür stark gemacht, die Boni in der Bank wieder nach oben zu schrauben. Schenk und Sewing erklären das zu einer absolut notwendigen „Investitionsentscheidung“. Die Bank vergleicht sich mit Bayern München im Fußball, wo man schließlich auch viel Geld ausgebe, um gute Spieler zu halten und neue einzustellen. Das Problem bei dieser Sichtweise: Bayern München dominiert die Bundesliga und gehört zu den allerbesten Fußballvereinen in ganz Europa. Die Deutsche Bank aber spielt eben nicht mehr in der Spitzenliga – und es ist nicht erkennbar, dass sie jemals wieder auf einen vorderen Platz zurückkehren wird.

Auch für das laufende Jahr zeigt man in den Frankfurter Doppeltürmen wenig Ehrgeiz. Die Vorstände reden von viel Detailarbeit, komplexen Projekten, schwierigen Märkten und widrigen Umständen. Auf eine nachhaltige Wende 2018 wollen sie sich nicht festlegen und versprechen lediglich, es werde in diesem Jahr wohl keine Sonderabschreibungen in Milliardenhöhe und deshalb auch keine Kapitalerhöhung geben. Das ist aus Sicht der Aktionäre ein bisschen wenig, um neue Begeisterung für die schwächelnde Aktie der Deutschen Bank zu wecken.

John Cryan selbst schweigt – und überlässt seinen beiden Stellvertretern immer mehr das Feld. Sie sollen das Vertrauen wecken, dass der Chef in den vergangenen zweieinhalb Jahren nicht schaffen konnte. Der wortkarge Brite musste sich in der Vergangenheit den Vorwurf gefallen lassen, er rede seine Bank mit seinen nüchternen Analysen schlecht. Nach der Süßholzraspelei seiner beiden Stellvertreter aber kann man nur sagen: Dann doch lieber wieder etwas angelsächsische Säure.