ReportageDer neue Kampf auf dem Ölmarkt

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„Ihre Fragen helfen dem Markt nicht“

Für die OPEC bergen diese Aussichten Sprengstoff. Bislang war das gemeinsame Interesse an einem hohen Ölpreis der Kitt, der die zwölf so unterschiedlichen Länder aus Nahost, Afrika und Lateinamerika zusammenhielt. Seitdem die Saudis den Kurswechsel im November brutal durchgeboxt haben, werden die Risse im Kartell immer größer.

Auf der einen Seite stehen die reichen Golfstaaten. Sie können sich einen Preiskrieg dank hoher Devisenreserven leisten. Auf der anderen Seite stehen Venezolaner, Algerier, Nigerianer und Iraner, die jede Milliarde aus dem Export benötigen. Sie dringen auf eine Förderkürzung – zumal Kürzungen in der OPEC bisher faktisch immer zulasten ihres größten Mitglieds Saudi-Arabien gingen.

Weltmarktanteile wichtiger Förderstaaten

Trotz der wachsenden Nervosität traut sich bislang allerdings niemand, gegen die Saudis aufzubegehren. Das Kartell schottet sich noch mehr ab als üblich. Sprecher dürfen in der Öffentlichkeit nicht sprechen. Generalsekretär Abdallah al-Badri, ein Libyer, der den Strategiewechsel zunächst abgelehnt hatte, produziert bei seinen Pflichtauftritten noch mehr Floskeln als sonst.

Auch die OPEC-Mitgliedsstaaten machen komplett zu. Als der algerische Botschafter in Berlin auf einer Tagung seinem Energieminister einen Gesprächswunsch übermittelt, kann man beobachten, wie der Minister sein Gesicht verzieht und mit beiden Händen abwinkt. Sein Kollege aus Kuwait wehrt freundlicher, aber ebenso bestimmt ab: „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Nein sage?“ Und Al-Naimi scheucht Reporter nach seiner Rede im Schloss Schönhausen davon wie lästige Fliegen: „Ihre Fragen helfen dem Markt nicht!“, ruft er verärgert, bevor er mit seinem Tross aus dem Saal rauscht.

Zur Kraftprobe kommen könnte es am ersten Juni-Wochenende, wenn die Ölminister auf dem 167. OPEC-Treffen in Wien wieder über die Strategie beraten. Bis dahin werden weiter jeden Tag viel zu viele Barrel auf den Markt schwappen. Die Angebotsflut führt dazu, dass der Preis für in Zukunft zu lieferndes Öl deutlich über dem für sofortige Lieferung liegt. In dieser Situation, Contango genannt, trägt gelagertes Öl gleichsam Zinsen. Zuletzt bunkerten Ölfirmen, Händler und Spekulanten in den USA nach Angaben der EIA bereits 480 Millionen Barrel – den höchsten Wert seit 80 Jahren. Die Menge reicht aus, um den Gesamtbedarf der USA fast einen Monat lang zu decken.

Förderung in den wichtigsten US-Frackingrevieren

Im Zeitalter der Ölschwemme sind Lager eine knappe Ware. Schon kurz nach dem Beginn des Preisverfalls schwirrten Gerüchte über eine Jagd nach Supertankern, mit denen Rohöl auch auf hoher See zwischengeparkt werden kann. Die Terminbörse New York Mercantile Exchange, an der seit 1983 Kontrakte auf die US-Referenzölsorte West Texas Intermediate (WTI) gehandelt werden, bietet seit Kurzem auch Optionen auf Lagerkapazitäten an – auch in Cushing in Oklahoma, dem zentralen Lieferpunkt für WTI in den USA.

„Die Höhe der Lagerbestände macht langsam Angst“, sagt Harish Sundaresh von der US-Investmentfirma Loomis, Sayles & Co. Die Ölflut und die prall gefüllten Speicher in den USA zementieren auch die Preisdifferenz zwischen WTI und der europäischen Referenzsorte Brent, die an der Londoner Intercontinental Exchange gehandelt wird. Nach dem Tiefpunkt des aktuellen Crashs im Februar, als WTI bei 44,30 Dollar notierte und Brent bei 48,10 Dollar, erreichte der Spread sogar einen Höchstwert von mehr als 12 Dollar.

Ein weiterer Grund für die Preisdifferenz ist das Exportverbot für US-Rohöl, das den amerikanischen Produzenten den Weltmarkt versperrt. Nach der Ölkrise 1973, als der Lieferboykott der Araber den Westen aufschreckte, blockierte die Regierung alle Ausfuhren. Erlaubt ist allein der Export von raffinierten Produkten. Der Schieferöl-Boom hat auch hier die Fronten aufgebrochen. Es mehren sich die Stimmen, die ein Ende des Exportbanns fordern. Für eine leichte Ölsorte hat die US-Regierung vor Kurzem sogar schon eine Ausnahmegenehmigung erteilt.

US-Ölproduktion in MIo. Barrel pro Tag und Zahl der aktiven Bohranlagen

Sollten die USA zur Exportmacht aufsteigen, würde dies auch den europäischen Markt umwälzen. Schon heute lassen sich in Europas wichtigstem Ölhafen Rotterdam die Folgen der US-Energierevolution für die Ströme auf dem Weltmarkt beobachten. „Seit die USA ihre heimische Produktion stark erhöht haben, wird Öl aus Westafrika vermehrt nach Europa umgeleitet“, berichtet Ronald Backers, Analyst beim Hafenbetreiber Port of Rotterdam.

Bis zu 15 Prozent des gelieferten Öls kommen nun von dort. Aus dem Nahen Osten stammen etwa 20 Prozent. Jeweils rund ein Drittel der Lieferungen kommt von Bohrplattformen in der Nordsee und von Ural-Importen aus Russland. Beides ist auf Dauer ein Problem: Die heimische Förderung hat ihren Höhepunkt überschritten. Und bei den Russen mehren sich die Anzeichen, dass sie langfristig einen größeren Teil ihres Öls nach Asien liefern – weil dort anders als im Westen die Nachfrage wächst. Aber auch, weil die Ukraine-Krise das Verhältnis zu Europa vergiftet. Für die Europäer und ihr Bemühen, sich unabhängiger von Russland zu machen, wäre es ein Trumpf, wenn bald Öltanker aus den USA in Rotterdam anlegen.

Zurzeit liegt dort in einem abgelegenen Hafenbecken das größte Schiff der Welt. Die Pioneering Spirit ist eine Art Katamaran aus zwei Supertankern, eine schwimmende Demontagefabrik, mit der künftig ausgemusterte Bohrinseln von ihren Stelzen gehoben und dann zerlegt werden sollen. Das große Decommissioning auf den Nordseefeldern, das durch den Preiscrash beschleunigt wird, könnte ein Wachstumsgeschäft für Rotterdam werden.

Auch in Midland, Texas, wollen sie sich nicht mehr darauf verlassen, dass ihnen das Öl noch für viele Jahre ein gutes Leben garantiert. Irgendwann wird sich im Permian Basin auch die Schieferölförderung nicht mehr lohnen. Jim Henry, der texanische Öl-Veteran, der gerne über Umweltauflagen der Obama-Regierung schimpft, hat in guten Zeiten immer wieder Teile seiner Firma verkauft und die Hälfte der Erlöse in Aktien, Anleihen und Immobilien investiert. „Wir wollten diversifizieren und nicht alles auf Öl setzen“, sagt er.

Vor seiner Firmenzentrale fährt Henry in einem Tesla vor – ein Geschenk seiner Frau zur goldenen Hochzeit. „Ein tolles Auto“, schwärmt er. „Die Beschleunigung ist großartig.“ Henry hebt die Kühlerhaube hoch, unter der statt des Motors nur eine Tasche mit Schwimmzeug liegt. „Keine Flüssigkeiten, kein Öl, keine Keilriemen, die reißen können“, sagt er. „Eine saubere Sache.“