ReportageDer neue Kampf auf dem Ölmarkt

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Risse in der OPEC

Immer schon hat der Ölpreis die Welt in Gewinner und Verlierer geteilt. Bei niedrigen Kursen profitieren Importländer wie Deutschland, wo der Preisverfall wie ein Konjunkturpaket wirkt. Verlierer sind Produzenten wie Russland, Venezuela oder der Iran, deren Haushalte auf Preise von mehr als 100 Dollar angewiesen sind. Die USA führten einen „Ölkrieg“ gegen sein Volk, schimpfte Venezuelas Präsident Nicolás Maduro. Er braucht die Exportmilliarden für seine Sozialprogramme.

Verlierer sind auch die internationalen Ölkonzerne. Allein die sogenannten Big Five – ExxonMobil, BP, Royal Dutch Shell, Chevron und ConocoPhillips – haben ihre Investitionsbudgets gegenüber 2014 um mehr als 20 Mrd. Dollar gekappt. Die Branche streicht Tausende Jobs. Die Übernahme der BG Group durch Shell, die nach Ostern bekannt wurde, werteten viele Experten eher als eine Flucht nach vorn, als Konsolidierung und möglichen Beginn einer neuen Welle von Fusionen.

Auch in Midland sind die Folgen der Ölschwemme nicht zu übersehen. In der Region hängen rund 80 Prozent der Wirtschaft an der Ölproduktion. Jetzt kämpft sie mit den Folgen des Preisverfalls, den sie mit ihrem atemlosen Förderwachstum mitverursacht hat. An der Landstraße, die in die Nachbarstadt Odessa führt, stehen mehr als 20 Bohrtürme dicht an dicht auf einem Abstellplatz. Eine Reihe großer Dienstleistungsfirmen hat bereits Entlassungen angekündigt. Die Zeit des Überschwangs, in der Lkw-Fahrer mit 100 000 Dollar nach Hause gingen, ist vorbei.

„Wenn man nur noch halb so viel einnimmt wie vor ein paar Monaten, muss man schnell reagieren“, sagt Jimmy Davis, Manager der Fasken Oil and Ranch, einer Firma mit 235 Mitarbeitern. Der Mittsechziger, der im Büro Jeans und Karohemd trägt, will die Zahl seiner aktiven Bohrtürme von fünf auf einen reduzieren. Die Produktion in den USA sei etwas zu hoch geraten, glaubt Davis. „Der Weltmarkt versucht gerade herauszufinden, wie viel er absorbieren kann.“

So wie Fasken haben viele der kleinen und mittleren Firmen neue Bohrungen verschoben, solange der Ölpreis um die 50 Dollar pendelt. Anfang April zählte die Servicefirma Baker Hughes noch 760 Bohranlagen in den USA – etwa halb so viele wie auf dem Höchststand im Oktober 2014.

Bislang ist eine Handvoll Unternehmen pleitegegangen, andere ächzen unter Schulden. Analysten erwarten eine Marktbereinigung, wenn sich der Preis nicht erholt. Frisst also die Revolution ihre Kinder? Alarmstimmung, Angst, ja, die sieht und spürt man in den USA. Aber keiner redet vom Untergang. Immer noch wächst die Fördermenge in den USA – wenn auch nicht mehr überall und so rasant wie vor Beginn des Preisverfalls. Die IEA erwartet, dass die USA bis 2020 für den größten Teil des weltweiten Produktionswachstums verantwortlich bleiben. Das Preistief werde nicht dazu führen, dass die „Party“ in Nordamerika endet, schreiben die IEA-Ökonomen. Sie erwarten nur eine Pause.

Treffen der Ölminister in der Wiener OPEC-Zentrale
Treffen der Ölminister in der Wiener OPEC-Zentrale: Das Kartell schottet sich ab – Foto: Ullstein

Die Frackingbranche hat ihre Kosten, so wie die großen Ölkonzerne auch, bereits drastisch gedrückt. Fasken-Manager Davis rechnet damit, dass die Dienstleister ihre Preise für Bohrtürme und andere Ausrüstung um 30 Prozent senken müssen – um genau so viel also, wie sie im Boom gestiegen waren.

Nach Daten der US-Energiebehörde EIA erreichten die Firmen im Permian Basin 2014 bei neuen Bohrlöchern einen Produktivitätsgewinn von 30 Prozent. Selten hat eine Branche so schnell gelernt, eine Technologie so weiterzuentwickeln, als wäre sie ein Produkt, das massenhaft hergestellt wird.

Der Ökonom Verleger hat dafür den Begriff des „ManuFracturing“ geprägt, eine Wortverbindung aus „Manufacturing“ und „Fracturing“ (Langform für Fracking). Die Effizienzgewinne führen dazu, dass die Schwelle, ab der Bohrlöcher profitabel sind, ständig sinkt. Die Hälfte der neuen Bohranlagen könne bereits ab einer Notierung von 40 Dollar Geld verdienen, schätzen die Rohstoffanalysten von Bank of America Merrill Lynch.

Kleine Unternehmen wie Fasken können es sich zudem leisten, sich auf die produktivsten Löcher zu konzentrieren und andere Bohrungen zurückzustellen, bis der Ölpreis wieder klettert. Fasken ist im Familienbesitz, hat keine Schulden und den Vorteil, dass den Eigentümern nicht nur der Boden gehört, sondern auch die Mineralrechte. „Wir haben keinen Druck zu bohren“, sagt Davis. „Wenn die Marktsituation sich verbessert, können wir schnell wieder hochfahren. Die Frage ist nur: Wie lange wird es dauern?“

Es ist die entscheidende Frage – nicht nur für die Frackingindustrie, sondern auch für die alten Ölmächte in der OPEC. Deren Wette, die Angreifer über den Preis aus dem Markt zu drängen, ist bislang nicht aufgegangen. Stattdessen haben sich die US-Produzenten als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Und die OPEC-Staaten spüren die Nebenwirkungen ihrer neuen Linie, die die Analystin Samira Kawar von der Londoner Preisagentur Argus Media eine „ziemlich große Zockerei“ nennt: Nach Berechnungen der EIA werden die OPEC-Mitglieder ohne Iran in diesem Jahr nur noch 380 Mrd. Dollar aus dem Ölexport kassieren – rund halb so viel wie 2014.